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Schiele in der Albertina

Rainer Metzger, 10.03.17

In der Beschränkung liegt bekanntlich die Größe. Tatsächlich hat die Albertina es hinbekommen, ein umfassendes Künsterbild zu gestalten, indem sie ihrer Widmung gemäß ausschließlich Grafik und ihrem Potential gemäß fast ausschließlich eigene Bestände vorführt. Heraus kommt eine Ausstellung von, mit und über Egon Schiele. Dass man zwar nicht weiß, wohin, aber jedenfalls schneller dort ist und zum absurden, nächstes Jahr stattfindenden Jubiläum, bei dem man den 100. Todestag von gleich vier Helden des Wien um 1900 mit einer schönen Leich' umrankt, schon dieses Jahr die Duftmarke setzt: geschenkt. Schiele in der Albertina ist ja doch immer so etwas wie ein Desiderat.

Vier Säle widmen sich der heroischen Zeit bis zum Jahr 1912. Dann kommen deren drei für den Rest. Schiele war ja ein Frühvollendeter, und dennoch hat er ein Frühwerk, das speziell gewürdigt gehört. Nach der Episode mit Neulengbach, die ihm eine Anklage und einige Tage im Gefängnis einbrachte, wird er dann allzu frühgereift und zart und traurig. Schiele wird geschmäcklerisch. Auch die Saaltexte, die von Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder höchsteigen besorgt sind, kommen nicht umhin, eine „vielfach oberflächliche Routiniertheit“ festzustellen. Schiele übt sich in Selbstkanonisierung. Die prekäre Balance von zeichnerischem Motiv und zeichnerischer Methode neigt sich in Richtung Selbstzitat, und der nervöse Strich wird Ornament. Schiele fängt an mit kitschigen Stilisierungen ins Zarathustrisch-Dithyrambische, die sich dann so lesen: „Den Künstler hemmen ist ein Verbrechen, es heißt keimendes Leben hemmen.“ Schiele versteift sich in alberne Allegorisierei.

All das ist bekannt, und wird auch in der Albertina-Schau durchaus nicht verborgen. Und doch verkehrt es sich ins Gegenteil. Schieles Koketterie mit der eigenen Labyrinthik wird in Katalog, Wandtexten und Zusatzvitrinen zum Aufmarschplan für einen ikonografischen Overkill. Nicht weniger als der Pantokrator aus der Chora-Kirche in Istanbul, einem Stück byzantinischer Meistererzählung aus dem 14. Jahrhundert, und Franz von Assisi werden bemüht, um Schiele seine Bizarrerien einzuflüstern. Der Herausgeber des Schiele-Jahrbuchs, ein Kunsthistoriker namens Johann Thomas Ambrózy, fährt all jene Geschütze auf, mit denen man sich vor langer Zeit, in den fünfziger und sechziger Jahren, akademische Deutungshoheiten erzwang. Die Esoterik der Panofsky-Schule, die damals alle, die Künstler inklusive, in die Beschämung verfügte, die sich mit Platon nicht auf Altgriechisch unterhalten konnten, feiert Urstände als Anteilnahme an einer doppelten Christusnachfolge.


Egon Schiele, Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911, Ernst Ploil, Wien

Dabei geht es doch nur um eine Geste, die bei Schiele immer wieder bemüht wird: um die „V-Geste“, wie die Ausstellung sie nennt, eine sehr einschlägige Spreizung der Finger, die in Selbstbildnissen vorkommt, aber auch, etwa in der „Umarmung“ des Belvedere, bei Frauendarstellungen: Was soll denn der Weltenrichter im alten Konstantinopel dafür verantwortlich sein – noch dazu in der füglich linkischen Version der Haltung seiner – linken! - Hand? Und was soll der Poverello mit seinen Gefährten Pate stehen, wenn auf ein paar Zeichnungen tuchbehangene Männer zu sehen sind? Aber unter dem Herrgott selber und seinem bemühtesten Nachfolger auf Erden tut es in dieser Fasson ein Künstlertum nicht.

Natürlich will die Albertina, lässt sie sich schon zum Lokalmatadoren herbei, den Schiele-Strumpf für alle Ewigkeit umkrempeln. Aber doch nicht so! Vor kurzem hat Christian Bauer ein paar wunderbare Neudeutungen angeboten, Bauer, der einst Schröders rechte Hand war. Er hat versucht, Schiele über dessen Nachbarn in Klosterneuburg näherzukommen, über Guido Holzknecht, den Pionier der Röntgentechnik in Österreich. Oder über Hermann Heller, den Mediziner und Lehrer an der Kunstakademie, und seine Ausdrucks-Studien. Oder über einen schrägen, stets am Rand des Pathologischen balancierenden Münchner Zeichner namens Max Mayrshofer, der in der Galerie Miethke ausgestellt hatte. Schiele ist physiologisch zu erklären, über Techniken und Materialien seiner Zeit. Schiele ist nicht ikonografisch zu erklären. Das ist nur etwas für Kunsthistoriker. Man sollte ihnen das Handwerk legen.

www.albertina.at

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1 Posting in diesem Forum  versenden Ihre Meinung

Kunsterklärungs-Hegemon*innen
Subhash | 23.03.2017 17:05 | antworten
Nun ja, wenn man den Kunsthistoriker*innen das Handwerk legen will, müsste man gleich auch noch den Kunstkritiker*innen das Handwerk legen, denn deren Möglichkeiten, ihre Meinungen zur Kunst zum besten zu geben sind ebenfalls weit größer als die anderer Menschen und ihre Aussichten auf Deutungshoheit ebenso. Aber wollen wir deshalb gleich zu Berufsverboten und Pressezensur greifen?
Ich jedenfalls schätze inspirierende Gedankengänge, egal von wem sie kommen. Und die „V-Gesten-Theorie” finde ich inspirierender als religiophobisches Kunsthistoriker-Bashing.

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