Wessen neue Kleider?

Aurelia Jurtschitsch, 03.04.17

Wer einen Sinn für Mode, ja gesteigerte Lust am Einfallsreichtum und den Launen bzw. Diktaten des Modischen hat und darüber hinaus auch der manischen Akribie in der Gestaltung von extravaganter Kleidung etwas abgewinnen kann, wird gut bedient in dieser Ausstellung, die in einer ersten Version im Londoner Barbican Centre zu sehen war. Das Winterpalais bietet speziell für einzelne historische Roben ein ideales Ambiente, ist aber auch für die Opulenz der aktuelleren modischen Ergebnisse ein spannendes Gegengewicht: Für die Haute Couture von Elsa Schiaparelli, John Galliano für Christian Dior, Karl Lagerfeld für Chloé, Prada, Christian Lacroix, Vivienne Westwood ... bis Pam Hogg.

Barocke Anmutungen finden sich in diversen Modellen. Im Original der Mantua-Kleider mit ihren ausladenden Röcken aus dem 18. Jahrhundert, aber auch bei einer bauschig drapierten Robe von John Galliano für Dior. Hier haben sich – so könnte man meinen - die Putten der Deckenbemalung einen Ausflug auf den Rock der Dame erlaubt. Marc Jacobs entwarf für Louis Vuitton Herbst/Winter 2013/14 ein Prêt-à-porter-Spitzenkleid, das als Blickfang nicht nur den Slip durchblitzen lässt, sondern wenn man an der Oberfläche des Stoffes hängenbleibt, erkennt man, dass hier schwarze Federn auf Tüll aufgearbeitet sind. Gleich daneben in sicherer Vitrine das Skandalstück von Rudi Gernreich, der Monokini aus dem Jahr 1964. Inside out bei Prada, wo mächtig bestickte BHs auf Mänteln und Kleidern als klares Statement platziert sind (F/S 2014). Einige Modelle werden im kompletten Outfit gezeigt, durchkomponiert vom Stiefel (Manolo Blahnik) über Mantel mit Lederstickerei (John Galliano für Dior) bis zur Krone (Stephen Jones) – und das wünscht man sich durchgehend. Umso schmerzlicher trifft aber der Blick bei einigen Figurinen, die ärmellose Kleider präsentieren, auf das nackte hölzerne Gestell mit Metallscharnier-Schultern, oft kopflos. Immerhin liefert ein Blick in den Katalog den Beweis, dass der Gesamteindruck auf den Laufstegen eine größere Stringenz ergibt, inklusive Haare, Make Up-Styling.

Das Motto, das Vulgäre (mit Fragezeichen), wird mit psychologischen Erläuterungen von Adam Phillips und kuratorischen Erklärungen von Judith Clark eingekreist und in mehrere Bereiche differenziert, aber im Grunde als Distinktionsmerkmal des Guten Geschmacks gegenüber dem Parvenuehaften identifiziert. Dabei spielt vor allem das Wörtchen „zu“ die entscheidende Rolle: zu groß, zu bunt, zu direkt – nämlich die (zu) aufdringliche Zur-Schaustellung von Reichtum, Individualität, vor allem aber auch von sexuellen Reizen. Wobei wohlgemerkt stets davon ausgegangen wird, dass „Vulgarität wie Schönheit im Urteil des Betrachters liegt.“ Und weiters konzediert Adam Phillips, dass das Vulgäre uns durchaus zu amüsieren und reizen vermag, aber auch erschreckt und letztlich widerwärtig bleibt. Insofern wäre es sogar prekär, wenn es gefällt. Gleichermaßen bezeichnet er allerdings Vulgarität als die Kunst (!) der Übersteigerung.

Warum der Ausstellungstitel „Vulgär?“, der im Englischen seine Logik haben mag, partout beibehalten wurde, wird seine Gründe haben. Fragezeichen hin oder her: Die Irritation steckt darin, dass eben nicht modische Entgleisungen von Möchtegern-Designern oder Beispiele aus dem Alltagsleben von Promis und Adabeis gezeigt werden, die vulgär sind oder im Auge sich als urteilsberechtigt Wähnender als vulgär bezeichnet werden können, sondern dass überwiegend Haute Couture-Modelle vorgeführt werden, bei denen stilsichere (das wollen wir doch hoffen, inklusive Walter van Beirendonck) Modeschöpfer sich ihrer gewollten Übertreibungen, Kumulationen und Exzentriken, ihrer Anleihen an diversen Kunstgattungen (antike griechische Plastiken, Trompe L’oeil-Malerei und Piet Mondrian), ihrer Übersetzungen aus diversen Stilen (Barock, Pop und Punk), Ethnien und Gesellschaftsschichten und ihrer Provokationen absolut bewusst sind und sie treffsicher einsetzen. Dazu scheint Judith Clarks Diagnose zu einigen der jüngsten Modekollektionen passen, „die, wie es scheint, belegen, dass das Verlangen nach Exzess zur Norm geworden ist.“

Die Besucher werden einerseits durch ein Medley all dieser Zitate, Referenzen, Assoziationen... geführt (und der Witz geht bekanntlich nur auf, wenn man das Original kennt) und einiges davon mag als (sehr) gewagt bezeichnet werden. Andererseits wartet die Schau mit genuinen handwerklichen Techniken und/oder Materialien auf, die Ausdruck purer Kreativität, Gestaltungslust und technischem Können sind und exemplarisch in ein Kleidungsmodell umgewandelt werden, speziell bei Iris van Herpen. Und bei einzelnen Modellen würde sich „das Volk“, das denn nun schon begriffsprägend herhalten muss, „schön bedanken“, dass es für diese oder jene „Bekleidung“ Inspirationsquelle gewesen sein soll, wo es sich um rein intellektuelle, Stoff-gewordene Spielerei – volksnahe würde es heißen Hirnwichserei – handelt. Und zwischendurch sind elegante, extravagante, sogar tragbare Gustostückerl eingestreut z. B. von Jean Paul Gaultier. – Eines leistet die Ausstellung zusätzlich: Sie macht Mode gleichsam als Kunstform auch hierzulande museumsreif.


Tipps

 

Winterpalais
1010 Wien, Himmelpfortgasse 8
Tel: +43 1 795 57 134
email: public@belvedere.at
http://www.belvedere.at/de/schloss-und-museum/winterpalais
Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 18 Uhr




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Winterpalais
Vulgär? Fashion Redefined

03.03.2017 bis 25.06.2017

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