Was Kunstschnee und ein leerer Galerieraum gemeinsam haben

Wolfgang Pichler, 09.01.17

Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat es eine größere Diskrepanz zwischen unserem Alltag und den natürlichen Gegebenheiten unserer Umwelt gegeben als heute. Wir haben uns scheinbar erfolgreich von den meisten Naturereignissen abgekoppelt und sind vermeintlich in der Lage, unser Leben von solch Unannehmlichkeiten wie dem Wetter oder der Tageszeit unabhängig zu leben. Dass dies eine verheerende Fehleinschätzung ist, wird jedem wach durchs Leben gehenden Menschen nicht erst in dieser Ausstellung bewusst. Wir sind am Ende selbst nichts anderes als ein Teil der Natur und jeder Versuch uns von ihr zu entkoppeln, ist nur ein Sägen am eigenen Ast. Die Entfremdung von allem Archaischen und Grundlegenden, welche weite Teile unseres modernen Lebens beherrscht, wird in den Videos von Simona Obholzer ganz besonders eindringlich sichtbar gemacht. So thematisiert sie nicht nur die Absurdität von Schneekanonen und künstlichen Wellen sondern auch gleich unsere Sehgewohnheiten. Die Entfremdung greift auch auf die Bilder über, die wir vorgeführt bekommen. Bildschirme werden fragmentiert und nicht zuletzt der Galerieraum ebenfalls in unbrauchbare und absurd leer wirkende Elemente zerteilt.

Hier wird die Arbeit der 1982 geborenen Künstlerin erst wirklich spannend, denn es wird einem bewusst, wie sehr wir uns im Kunstalltag von jedem Bezug zur uns umgebenden Welt entfernt haben. Die exzessive Selbstreferenzialität weiter Teile des Kunstbetriebs sticht plötzlich ebenso klar hervor, wie die weißen Streifen aus Kunstschnee im grünen Wald. Die gähnende Leere des Galerieraumes, die nur noch spärlich durch Zitate von Kunstwerken durchbrochen wird, lässt einen den Verlust relevanter – weil die Welt reflektierender – Kunst besonders stark empfinden. Für jene die einfach nur mechanisch immer wieder einen Berg auf Skiern herabfahren wollen, ist Kunstschnee ein brauchbarer Ersatz. Für jemanden, der sich nach klirrender Kälte, verschneiten Wäldern und dem Knirschen unter den Schuhen beim Gehen sehnt, ist er im besten Fall unnötig.

Dass es allerdings keine Rückkehr in die heile weiße Winterpracht gibt, steht spätestens seit der Klimawandel unbestritten als Fakt akzeptiert wird fest. Wir stehen also vor der Herausforderung eine billige Kopie des Originals oder aber ein völlig neues uns noch unbekanntes Meisterwerk zu betrachten. Diese Schau scheint mir ein Schritt in Richtung des letzteren zu sein.


Tipps

 

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Simona Obholzer - "Was willst du denn mit all dem Schnee auf der ganzen Welt?"*

16.12.2016 bis 12.01.2017

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