Konzept-Politik?

Raimar Stange, 02.02.17

Eric Baudelaire zeigt in seiner ersten Ausstellung in der Berliner Galerie Barbara Wien Arbeiten, in denen er sich in der Sprache der Konzept Art auf politisch Prekäres einlässt – ein interessantes aber überaus problematisches Unterfangen.

Im Zentrum der Ausstellung „A Form that Accommodates the Mess“ stehen Arbeiten, die politische Themen wie Terrorismus, Globalisierung und Neoliberalismus in den Fokus rücken. Da ist z. B. die Installation „Site displacement / Deplacement de site“, 2006, zu sehen. Der Künstler war von der französischen Stadt Clermont-Ferrand beauftragt, Fotos zum Thema „Territorium“ zu machen, was er dann auch tat. Anschließend schickte er die Aufnahmen einem indischen Photographen und bat diesen, ähnliche Aufnahmen in Indien zu machen. Warum? Clermont-Ferrand war Produktionsstandort für die Reifenfirma Michelin – solange bis diese ihre Fabrikation nach Indien outgesourced hat. Neoliberale Globalisierung steht also hier zur Disposition und zwar dadurch, dass Baudelaire mit seinem Konzept ebenfalls seinen Auftrag gleichsam outsourct und dann die Resultate dieser formalen „Parallelstrategie“ im Ausstellungsraum mit Hilfe zweier Diaprojektionen präsentiert, die jeweils die beiden photographischen „Zwillinge“ gleichzeitig und vergleichend zeigen. Inhaltlich ist da von Outsourcing allerdings nichts zu entdecken.

Die Arbeit „Ante-Memorial. Everything is political II“, 2016, dann besteht aus aufeinander gestapelten Büchern, die Baudelaire in den letzten Jahren gesammelt hat. Alle haben den Titel „Unfinished Business“, doch keineswegs handelt es sich hier nur um Publikationen mit ökonomischem Inhalt, auch Belletristik etwa ist darunter. Diese performative Skulptur, die vom Künstler immer weiter angereichert wird, tippt also ein Themenfeld wie (Welt)wirtschaft an, verweigert diesem Thema aber gleichzeitig eine „ernsthafte“ Bearbeitung, setzt stattdessen eine konzeptuell-bildhauerische, rein ästhetische Handlung anstelle dieser.

Ein drittes Beispiel: Das Problem „Terrorismus“ behandelt der Künstler in seiner Wandtapete „FRAMEWORK; FRAMEWORK; FRAMEWORK …“, 2016. Hier hat Baudelaire Tabellen, Diagramme und Zeichnungen zum Thema „Terrorismus“ ausgesucht und sie dann bar jedes textlichen Kontextes zusammengefügt. Das Resultat ist ein fast schon abstraktes Muster, das als Tapetendesign durchaus dekorativ ist und so gut wie nichts mehr von seinem alles andere als „schönem“ Thema verrät. Genau dieses aber ist generell das Problem der trotzdem durchaus nicht unintelligenten Ausstellung: Die ästhetischen Strategien, die Baudelaire hier vorführt, lenken letztlich mehr ab von den wichtigen und klug gewählten Themen, als sie sich tatsächlich auf diese einzulassen. Schade.


Tipps

 

Galerie Barbara Wien
10785 Berlin, Schöneberger Ufer 65
Tel: +49 30 283 85 35 2
Fax: +49 30 283 85 35 0
email: info@barbarawien.de
http://www.barbarawien.de
Öffnungszeiten: Di-Fr 13-18h, Sa 12-18h




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Galerie Barbara Wien
Eric Baudelaire - A Form That Accomodates the Mess

10.12.2016 bis 18.02.2017

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