Rückkehr nach Youngstown

Rainer Metzger, 10.11.16

Jetzt also Trump. Wenn es einen Faktor gibt, der eine gewisse Beruhigung vor dem Überborden des Prinzips Ressentiment in der Politik gestattet, dann ist es das Fehlen intellektueller Unterstützung. Anders als in den 20ern, bei denen man weiß, wohin es führte, gibt es autoritäre Charaktere vom Schlage Sloterdijks, der immer noch die Gewährsfigur für den Ausnahmezustand beschwört, die er seinerzeit bei seinem Bhagwan schon nicht fand, wohltuender Weise kaum. Natürlich haben sie, als spektakuläre Einzelfälle, ihre Medienpräsenz. Doch das bleibt, was es ist: Narzissmus.

Der Diskurs zum Tage ist vielmehr Didier Eribons „Retours à Reims“, im Original bereits 2009, auf deutsch als „Rückkehr nach Reims“ in diesem Jahr erschienen. Eribon schildert darin seine spezielle „Traison des clercs“, einen Verrat der Intellektuellen, der auf seine Weise dazu beitrug, reihenweise Rattenfänger zu ihrem Tun zu ermächtigen. Und Eribon schildert diesen Verrat natürlich nicht triumphierend, sondern getränkt mit Selbstvorwurf. Der Autor, der hier eine Art Bekenntnis-Epik vorlegt, ist Biograf von Michel Foucault, Paradefigur der Pariser Theorie, ist Schwuler, Kämpfer, Universitätslehrer und verkörpert das ganze Curriculum aus Cultural, Queer, Gender, Subaltern. Emanzipation, dein Name ist Eribon.

Und dann kehrt er, der Titel sagt es, zurück in seine Heimatstadt. In Reims ist sein Vater erst dement geworden und dann gestorben, und die Mutter wählt den Front National. Jetzt ist der Sohn, der eine Ikone darstellt in der Kapitale, geworfen auf all die Indices seiner Herkunft. Die Spuren erfüllen ihn mit nichts anderem als Scham. Irgendetwas ist verloren gegangen in der Meistererzählung von den Chancen und Avancen der Körperpolitik. Nennen wir es Sozialpolitik: „Es war mir leichter gefallen, über sexuelle Scham zu schreiben als über soziale. Als sei die Untersuchung der Konstitution inferiorisierter Subjektivität mir ihren komplexen Mechanismen des Sich-Verschweigens und Sich-Bekennens heute geachtet und achtbar, ja politisch gewollt, wenn es dabei um Sexualität geht, als sei sie aber höchst problematisch, und in den Kategorien des öffentlichen Diskurses so gut wie gar nicht vertreten, wenn sie die Herkunft aus einer niedrigen sozialen Schicht zum Thema hat.“ In den Konjunkturen der Ich-AGs ist Transgender ungeheuer sexy. Dass die Mutter Putzfrau ist und der Vater Hilfsarbeiter wie bei Eribon tut demgegenüber so, als wäre es historisch überwunden.

Ist es aber nicht. Schon im Vorfeld der US-Wahlen haben die Korrespondenten sich gern nach Youngstown aufgemacht. Das Kaff im Rust-Belt von Ohio galt auf seine Art als sexy, weil Bruce Springsteen es einst besang. Heute stellt sich heraus, dass nichts attraktiv daran ist. Es ist das erbärmliche Toponym für die erbärmlichste Figur, die es bisher zum amerikanischen Präsidenten gebracht hat. Youngstown ist eine Art von Reims, und die Rückkehr dorthin hat sich jetzt mit Macht Präsenz verschafft.


Skyline von Downtown Youngstown. Foto: Blue80

Tatsächlich gibt es einen Verrat der Intellektuellen. Die Texte hier im artmagazine sind diesem Verrat ihrerseits nicht selten erlegen. Es war die letzte Zeit allzu wohlfeil gewesen, die speziellen Body Performances, wie der Kunstbetrieb sie mit seinem Hype überzieht, in den Mittelpunkt zu stellen. Die alte, abgehangene, abgehängte, fast schon marxistische Geschichte von der Verelendung war bei allem Faible fürs Marginale vollständig an den Rand gedrängt. Jetzt steht sie wieder im Mittelpunkt. Dass ihre Akteure unter „White Trash“ firmieren, macht die Geschichte um so aktueller.

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