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Gülsün Karamustafa - Chronographia: Zu schön um politisch zu sein?

Der Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt jetzt eine umfassende Retrospektive der türkischen Künstlerin Gülsün Karamustafa. Die opulente Show ist faszinierend und fragWÜRDIG zugleich.

Seit mehr als 40 Jahren nun arbeitet Gülsun Karamustafa künstlerisch und hat dabei so gut wie jedes Medium genutzt: Malerei und Video, Rauminstallation und Skulptur, Foto und Performance etwa zählen zu den von ihr genutzten Genres. Stets hat Karamustafa in ihrer Kunst die kritische Auseinandersetzung mit dem politischen Geschehen in ihrer türkischen Heimat gesucht, so ist dann ihre Retrospektive auch mit dem Wort „Chronographia“, Zeitbeschreibung, betitelt. Zentrale Themen ihrer Kunst sind u.a. Migration und Flucht, die Rolle der Frau in der (popkulturellen) türkischen Gesellschaft, das Verhältnis von Diktatur und Demokratie sowie der Blick des „Westens“ auf den „Nahen Osten“.

Typisch für ihr Engagement ist bereits ihre Malerei-Serie „Prison Paintings“, 1972, die weibliche politische Gefangene in türkischen Gefängnissen zeigt, in einem naiv-sachlichen Stil porträtiert, hübsch bunt, voller Empathie. Auch die Künstlerin selbst war damals 6 ½ Monate inhaftiert, sie hatte, gerade erst 25 Jahre jung, gemeinsam mit ihrem Mann einem politisch Verfolgten Unterschlupf gewährt. In vielen ihrer späteren Installationen, zusammengesetzt aus mehr oder weniger kitschigen Versatzstücken des Pops, umkreist Karamustafa das Problem feministischer Emanzipation in der Ära der omnipräsenten Popkultur, so etwa in ihrer Arbeit „Prayer Rug with Elvis“ 1986, in der u.a. Devotionalien des legendären „King“ den Ton angeben. Ihre Materialcollage „Double Action Series for Oriental Fantasies“, 2001, thematisiert das westliche Klischee des Orientalen, das seit dem 19. Jahrhundert nicht zuletzt geprägt wird durch in der Arbeit vorgeführten Rollenbilder, wie die des Sklavenhändlers und des Haremswächters.

Reinszeniert für den Hamburger Bahnhof wurde Karamustafas Installation „Neworientation“, 1995, die ursprünglich für die 4. Istanbul Biennale realisiert wurde. Bunte Streifen hängen da von der Decke herab, so dass die Besucher sich ihren Weg durch diese hindurch suchen müssen, um die Verbindungsbrücke zwischen dem West- und Ostflügel des Hamburger Bahnhofs überqueren zu können. Dabei können sie dann die Initialen von Frauen lesen, die in Istanbul verschwanden und dann zwangsprostituiert wurden. Auch das Datum des Verschwindens der Frauen ist auf den Textilstreifen gestickt. Nicht zuletzt dieser Arbeit ist ein Problem der engagierten Kunst von Gülün Karamustafa ablesbar: Viele ihrer Arbeiten nutzen so etwas wie (oberflächliche) Schönheit als Köder um auf politisch-prekäre Situationen hinzuweisen. Ob diese Strategie allerdings immer aufgeht ist zweifelhaft, allzu oft nämlich verbleibt die Rezeption an eben dieser Oberfläche, der kritische Gehalt dieser Kunst – bei „Neworientation“ z. B. durch die „Geheimnistuerei“ der abkürzenden Initialen kaum sichtbar – droht auf Grund ihrer sinnlichen Kraft unterzugehen.
Gülsün Karamustafa - Chronographia
10.06.2016 - 15.01.2017

Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart
10557 Berlin, Invalidenstraße 50- 51
Tel: (+49 30) 397834-11, Fax: (+49 30) 397834-13
Email: e-mail hbf@smb.spk-berlin.de
http://www.smb.museum/museen-und-einrichtungen/hamburger-bahnhof/home.html
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr10-18, Do 10-20, Sa, So 11-18 h

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