Kunstmarkt-Inkubator

Stefan Kobel, 13.10.16

Ein Land, das sich selber einzäunt und in dem gerade die größte überregionale und wichtigste regierungskritische (einem Österreicher gehörende) Tageszeitung unter dubiosen Umständen eingestellt wurde, mag sich vielleicht nicht auf Anhieb als internationaler Marktplatz für die Region empfehlen. Art Market Budapest versucht jedoch genau das - mit hohem Anspruch an sich selbst und nicht ohne eine gewisse Berechtigung.

In ihrer sechsten Ausgabe präsentiert sich die Messe in einer ehemaligen Turbinenfabrik als bunter Gemischtwarenladen mit Ambitionen für ein weitgehend lokales Publikum. Der durchwachsene Eindruck ist nicht zuletzt den westlichen Ausstellern geschuldet, darunter zum letzten Mal "Art from Berlin" des Landesverbandes, für das die Senatsförderung nicht erneuert wurde. In einer eigenen Sektion der Messe können sich Projekte und Off Spaces aus der Region präsentieren, in einer weiteren Halle findet zum dritten Mal eine Messe für Fotografie statt. Da kommt einiges an Schrägheiten zusammen. Das Publikum besteht ebenfalls nur zu einem geringen Teil aus klassischer Kunstmessenklientel.

Das ist allerdings alles so gewollt. "Der osteuropäische Markt ist sehr unterentwickelt im Vergleich zum Westen", erklärt Gründer und Direktor Attila Ledényi. "Die Galerien sind da nicht ganz unschuldig dran, weil sie sich in der Regel auf einen sehr kleinen Kreis von Sammlern konzentrieren. Wir wollen zeigen, dass das Potenzial viel größer ist. Tatsächlich haben wir hier viele Erstkäufer." Neben der Funktion als Marktplatz habe Art Market Budapest einen weiteren Auftrag: "Es geht uns vor allem darum, zu zeigen, dass das Interesse an zeitgenössischer Kunst größer ist als man vielleicht glauben möchte. Deshab betonen wir immer, dass es hier um zeitgenössische Kunst geht. Die Leute wissen, also, was sie erwartet."

Das gilt ebenso für die Galeristen. Zwar sind die Standmieten im internationalen Vergleich extrem niedrig (55 Euro pro Quadratmeter), aber der lokale Markt ist noch sehr wenig ausgeprägt. Ungarische Galeristen erklären unabhängig voneinander, dass der harte Kern der heimischen Sammler ungefähr 30 Personen zähle. Die fungierten zwar als Multiplikator und animierten andere Landsleute zum Kunstkauf. Doch sei das ein langwieriger Prozess. Vielmehr nutzen die Kollegen die Messe zum Austausch untereinander. Galerien aus Slowenien, der Slowakei, Bulgarien und anderen Ländern aus dem östlichen und südöstlichen Europa haben hier häufig ihre ersten Auftritte und können auf (finanziell) niederschwelligem Niveau Erfahrungen sammeln. Auch das gehört zum Konzept Ledényis: "Einige Galerien haben hier ihre Karriere begonnen, wie Zorzini aus Bukarest oder GalerijaGallery aus Ljubljana, die als Off Space angefangen haben. Wir haben einen dezidiert pädagosischen Ansatz, was unsere Aussteller angeht. Wir möchten eine Inkubator-Funktion ausüben. Wir wollen Inhalten Raum bieten an Orten, wo es bisher keinen Markt gibt. Das haben wir aus unseren Erfahrungen in Osteuropa gelernt."

Auf der anderen Seite suchen Galerien aus dem Westen hier Anschluss für die osteruopäischen Künstler aus ihrem Programm. Die Pariser Galerie Dix9 zeigt Zeichnungen des Serben Nemanaj Nikolic, die als Sequenzen auf Buchseiten sozialistischer Theoriewerke aus Jugoslawien Szenen der Panik auf Hitchcock-Filmen nachstellen. Gleichzeitig ist ein Teil dieses Werkkomplexes gemeinsam mit einem daraus entstandenen Stop-Motion-Film aktuell in der Ausstellung “romaANTisch?” des Wiener Künstlerhauses zu sehen.


Tipps

 

Millenáris
1024 Budapest, Kis Rókus u. 16-20
http://artmarketbudapest.hu
Öffnungszeiten: Thursday (October 13): 11 am – 8 pm
Friday (October 14): 11 am – 10 pm
Saturday (October 15): 11 am – 8 pm
Sunday (October 16): 11 am – 8 pm




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Millenáris
Art Market Budapest

13.10.2016 bis 16.10.2016

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