Nero

Rainer Metzger, 25.08.16



Dies ist eine Zeichnung, die ein Graffito wiedergibt, das man am römischen Palatin entdeckt hat. Die Einritzung misst etwa dreißig Zentimeter an Seitenlänge, sie ist in einen Kalkputz gesetzt und als Fügung in weiß auf weiß kaum sichtbar. Und doch ist sie die eigentliche Sensation der Ausstellungstrias, mit der in Trier an Nero erinnert wird. Der notorischste aller Neurotiker auf dem Kaiserthron, er regierte von 54 bis 68, hat mit dem Graffito nichts zu tun. Doch die christlichen Geschichtsschreiber am Hof des fast drei Jahrhunderte später amtierenden Konstantin nahmen es mit der Tatsache, dass die Sieger die Historie bestimmen, sehr genau und machten aus Nero einen grimmigen Verfolger.

Und das Graffito, entstanden irgendwann um 200, hat jedenfalls etwas mit der neuen, seltsamen, sich um einen als Mensch gekreuzigten Gott rankenden Religion zu tun. Es zeigt ein Kruzifix, wohl das früheste erhaltene der Bildgeschichte. Der Gekreuzigte trägt dabei einen Eselskopf. Nebenan steht ein Mensch, wohl ein Soldat, die ungelenken Buchstaben nennen seinen Namen Alexamenos und berichten davon, dass er zu seinem Gott bete. Unter den Legionären hat sich wohl einer über seinen Kumpel lustig gemacht, über ihn und seinen kruden Kult, und den Scherz in die Wand gestellt. Das früheste Kruzifix ist eine Karikatur.

Jetzt prangt die Tafel, deren Spuren man nur erahnen kann, als Gast aus dem Archiv des Palatin im Trierer Museum am Dom. Es ist die mittlere von drei Stationen, auf denen man sich dem Monarchen nähert: Nero, der mit siebzehn den Thron bestieg, in jungen Jahren vor allem auch dank seines Erziehers Seneca zu besten Hoffnungen Anlass gab; Nero, in dessen Regierungszeit der Brand von Rom fiel, was ihm Gelegenheit gab, beim Wiederaufbau ein Viertel der Stadtfläche für seinen Palast, die Domus Aurea, abzuzweigen; Nero, der wie so viele seiner Vorgänger und Nachfolger versuchte, den Senat zu entmachten, was ihm die entsprechend üble Nachrede einbrachte; Nero, der in seiner Spätzeit in die Kunst flüchtete und bei seinem Griechenlandbesuch alle möglichen Sportveranstaltungen mit seiner Teilnahme bescherte, wobei man ihn stets gewinnen und ihn über 1800 Siegeskränze mit nach Hause bringen ließ; Nero, der mit 31 in den Selbstmord getrieben wurde und als letzte Worte laut dem Kaiserbiografen Sueton das für seinen Menschenschlag unübertreffliche „qualis artifex pereo – welch großer Künstler scheidet mit mir hin“ hinterließ. Dazwischen jede Menge Sex and Crime mit Inzest, Gattinnenmord und Lieblingssklavin.

Leben und Werk des infantilen Imperators werden, Station eins, im Rheinischen Landesmueum ausgebreitet, es ist die obligatorische Archäologieschau mit Fragmenten, Köfpen und einigen schönen Wandmalereiresten aus Neapel. Station zwei kümmert sich um Neros Verhältnis zu den Christen – kein geringerer als Tacitus erwähnt dessen Aktivitäten als Verfolger, woraus die Martyrologie dann den Tod von Petrus und Paulus im Jahr 64 im vatikanischen Zirkus gemacht hat. Station drei im Museum an der Porta Nigra verfolgt das Nachleben des verhinderten Gesamtkunstwerkers in der Massenkultur – wer denkt nicht an Peter Ustinovs gleichsam kongeniale Interpretation in Mervin LeRoys „Quo vadis?“ von 1951?

Insgesamt eine sehr runde Veranstaltung, für die es weder Jubiläum noch Anlass gab aber, und das ist immer das beste, Interesse. Zaghaft wird Nero rehabilitiert. Vor allem bedeutet das, dass die Berichte von dessen sagenhafter Grausamkeit-Lüsternheit-Unberechenbarkeit relativiert werden. Ganz zeitgemäß gleitet Nero hinüber von den Tätern zu den Opfern.

www.nero-ausstellung.de

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