Bizarrer Autokorso

Thomas D. Trummer, 11.07.16

Die Reiterkunst der Spionage-Jungs


Autokorso der Absolventen der FSB-Akademie in Moskau, 2016

Der erstaunlichste Moment ist jener, an dem die Fahrzeuge in einem flachen Halbkreis Aufstellung nehmen. Die Absolventen der Moskauer FSB-Akademie, dem Nachfolger des KGB, feiern den Semesterschluss nach vierjähriger Ausbildung. Das muntere Treiben der Novizen ist auf Youtube zu verfolgen. Anfangs fahren die künftigen Agenten als zügiger Konvoi durch die Straßen. Freilich unter Missachtung der gültigen Verkehrsregeln. Sie kurven, nützen breite Boulevards und mächtige Plätze. Die schwarzen Geländewagen präsentieren sich als stolzes Regiment. Die Lichter blinken, der Mercedes-Stern strahlt in der Kühlermitte. Die versteckte Macht im Staat spielt heiter Flash Mob.

Unzweideutig sind Parade und Performance von der Reitkunst inspiriert. Die Pferde in geometrischer Ordnung zum Stehen zu bringen, ist die beste Empfehlung. Kavalkaden sind beliebt. Noch immer besuchen Tausende die Wiener Hofreitschule. Die Tiere in Weiß nehmen Aufstellung, verbeugen und drehen sich. In derartigen Darbietungen ist der militärische Sinn durch dekadente Tänzelei manieriert. Umso mehr wundert es, wenn sich die Aspiranten auf ein Amt im russischen Geheimdienst, dem einstmals sogar Putin vorstand, zu feminin gekünstelter Choreografie hinreißen lassen. Männlicher sind die Fahrzeuge und einschlägige Gesten. Die ersten sind herrisch, kantig, schwarz und geländegängig. Die zweiten grölend, siegesgewiss und ungehobelt. Der Hohn in den sozialen Netzwerken war den künftigen Agenten dennoch sicher. Was sich verborgen halten sollte, zeigt sich offen in miesen Manieren. Auf einer Aufnahme lugt ein Spionage-Aspirant aus der Dachluke. Er prostet dem Kameramann zu, der nicht nur auf Augenhöhe agiert, sondern ab und an auch aus der Untersicht, - das wirkt entschlossener.

Kulturhistorisch ist der Auftritt schlüssig. Der Reiter auf dem Pferd ist seit jeher eine ehrfurchtsvolle Erscheinung. Zumindest bevor die Motorisierung einsetzt. Der Reiter sitzt auf dem Rücken wie auf einem beweglichen Sockel. Er schreitet über den Köpfen der Bewunderer und Untertanen hinweg. Das Pferd ist dabei mehr als nur Träger. Es ist ein Untersatz, der zugleich für das Andere, das Widerständige, ja für das Volk steht. Das Tier ist das Animalische, das der Herr zu zähmen weiß. Sei es durch souveränes Führen, sei es durch Drohung, sei es durch schmerzlichen Anreiz mit den Sporen. Wie gesagt, mit der Motorisierung endet die Metaphorik der Kavallerie. Allein die Pferdestärke als Richtmaß tradiert sich bis in unsere Tage. Für die Pferde gilt seither, wie Peter Sloterdijk einmal bemerkte, dass sich für sie die klassenlose Gesellschaft, die Marx für das Proletariat erträumte, realisiert hat. Sie sind heute keine Arbeitstiere mehr, sondern Vergnügungs- und Freizeitexistenzen.

Statt als Reiter aufzutreten, fahren Staatsmänner heute in großräumigen, schwarz lackierten Karossen, - übrigens auch ein Wort, dass sich aus dem Pferdezeitalter bis ins Heute rettete. Am besten im Cabriolet. Man denke an fast alle Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Doch der offene Wagen bringt Probleme. Limousinen sind nicht hoch genug und luxuriös, - eine Metapher, die als repräsentative Geste des Souveräns gegenüber seinem Volk nicht erwünscht ist. Außerdem müssen sie langsam gefahren werden, um die huldigenden Grußgesten zu empfangen. Das aber ist gegen ihren motorischen Sinn und zudem gefährlich. Dass Staatstragende nicht immer willkommen sind, davon zeugen Sarajewo 1914 und Dallas 1963. Die Lösung ist das geschlossene Fahrzeug, das wiederum den Souverän verborgen hält. Darum muss man ab und zu aus dem Wagen klettern, etwa als Spionage-Mannschaft oder als launiger Grußaugust im Stil eines Gangsta Rapper.

Was wie ein Faux-pas der jungen Russen wirkt, ist dennoch nicht zufällig. Die Fahrzeugvariante, die die Akademie-Abgänger zur Selbstdarstellung wählten, ist keineswegs Lippizanerhaft zierlich, auch nicht in der Art der Limousinen großzügig und ledergepolstert, sondern robust und kugelsicher. Optisch geht von den markigen Mercedes Gefahr aus. Dazu sind sie pechschwarz. Die G-Klasse ist der Rappe unter den pseudo-militärischen Autos. Und dies wird von den Jungs auch kommentiert, als Entschuldigung wohl gemerkt. Wenn sie in weißen Wolgas gefahren wären, hätte es den Aufruhr nicht gegeben, meinten sie. Vielleicht sogar zurecht, denn die ulkigste Form des fahrenden Reiterstandbilds ist das Papamobil. Und das ist bekanntlich schneeweiß. Der Papst steht darin wie in einem aufrechten Sarkophag. Ein Fahrzeug für Dornröschen, nicht für Prinzen.


Fernando Sanchez-Castillo, Pegasus Dance, 2008, 12’ 14’’, Videostill, Courtesy: the artist

Und doch erinnert der hupende Auftritt an eine andere Aktion. Es ist der Tanz zweier Wasserwerfer im Hafen von Rotterdam. Die gepanzerten Fahrzeuge drehen sich im Ballett, zeichnen sprühende Wasserlinien, necken und umspielen einander. Erfunden ist die Performance der ungemütlichen Fahrzeuge von Fernando Sanchez-Castillo. Er nennt die Parkplatzkurven am Hafenpier “Pegasus-Dance”, wohl weil die Wasserwerfer wie Flügel auf den kubischen Fahrzeugkörpern sitzen. Aus den Pferden werden flugtüchtige. Der wichtigste Unterschied aber zu dem bizarren Moskauer Korso: Dieser Auftritt ist kein Jux einer Nachwuchstruppe, er ist Kritik und nicht zuletzt Kunst.

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