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Provinz

Rainer Metzger, 24.05.16

„Auf der einen Seite existiert in der Provinz der Wunsch nach dieser Biedermeier-Idylle, und teilweise ist die Provinz natürlich auch idyllisch, wenn man ihr die Stadt als Gegenentwurf gegenüberstellt oder die Industriegebiete, die sich irgendwo zwischen Provinz und Stadt befinden. Auf der anderen Seite braucht die Provinz die Stadt, um überhaupt zu einem Begriff der Idylle kommen zu können, aber auch um sich von der Tristesse zu befreien, die immer mit in einer Idylle steckt. Wenn Idylle das Ungestörte, Ungetrübte ist, dann drängt sich quasi zwangsläufig eine gewisse Zeitlosigkeit auf, ein Gefühl von Ewigkeit und natürlich Gleichförmigkeit. Da Idylle, um Idylle sein zu können, keine Bedrohung kennen darf, kennt sie umgekehrt auch keine Entwicklung und Veränderung. Alles bleibt so, wie es immer war.

Und eben das hält nicht jeder aus. Da erscheinen dann die Unruhestifter, die etwas spüren, was die Gemeinschaft anscheinend nicht spürt, und die ganz bewusst gegen das Idyll als Ausdruck des Falschen, weil angeblich Vollständigen, vorgehen. Und die haben dann in der Regel die Idee der Stadt im Handgepäck, der Unruhe und Bewegung, der Veränderung, aber auch natürlich der Anonymität und des drohenden Untergangs ...

Die Provinz weiß nichts von sich und schaut nur auf das andere, während die Stadt nichts vom anderen weiß und nur auf sich schaut. Dann wäre die Provinz im doppelten Sinne unerkannt, vor allem aber auch die Beziehung zwischen Provinz und Stadt, die in einer Art mittelalterlicher Anschauung steckengeblieben ist, wo alles zur Stadt drängt, weil Stadtluft frei macht. Provinz wäre dann eine Art Atavismus, eine Vorstufe zur Stadt. Provinz ist das, was noch nicht Stadt ist, so wie der Pubertierende noch nicht erwachsen ist.“


Giorgione, Ländliche Idylle, 12x19 cm

Gedanken von Frank Witzel. Der Träger des Deutschen Buchpreises 2015, Autor des Vielhundertseiters „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“, hat sie in einem langen Gespräch mit Philipp Felsch entwickelt, der seinerseits 2015 bekannt wurde mit seinem Geschichtsbuch „Der lange Sommer der Theorie“. Das Gespräch ist unter dem Titel „BRD Noir“ soeben in Buchform bei Matthes & Seitz Berlin erschienen.

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