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Langweilig aber wichtig: Wie viel Geld wofür?

Vorab: Auch Ihrem Kolumnisten gelingt es fallweise nicht, ein adäquates Honorar für seine Leistungen durchzusetzen. Häufig beendet die Aussage »aber unser Limit ist xyz« jede Verhandlungsphantasie, wobei auffällt, dass »das Limit« immer als irgendwie fremdbestimmt weitervermittelt wird und nicht als Ergebnis einer Entscheidung, die jemand auch zu vertreten hätte. Eine weitere Hürde besteht in dem Umstand, dass viele Honoraransätze von dauerhaft Angestellten budgetiert werden, die instinktiv doch das eigene Monatsnettogehalt mit dem angebotenen Bruttohonorar vergleichen. Doch darüber haben wir bereits vor drei Jahren hier geschrieben.

Auch die in New York aktive Gruppe W.A.G.E. (Working Artists for the Greater Economy) war in diesem Textraum bereits ausgestellt, doch es gibt Neues zu berichten, weswegen wir sie wieder vor den Vorhang holen. Vor einer Woche wurde nämlich in New York das freiwillige Zertifizierungssystem »W.A.G.E. Certification« vorgestellt. (1) Das Grundprinzip ist dabei, dass Organisationen das Zertifikat »W.A.G.E. Certified« bekommen sollen, die sich an die von W.A.G.E. entwickelten Grundsätze für die Bezahlung künstlerischer Leistungen halten. Bevor sich die Nicht-KünstlerInnen an dieser Stelle aus der Lektüre verabschieden, wird gleich betont, dass die Definition des »Artist« alle diejenigen umfasst, »die Inhalt an Organisationen liefern« oder wie es im Originaltext heißt: "who supply content and services in a non-profit visual arts presenting context, including visual artists, performers, dancers, poets, filmmakers, writers, and musicians among others.«

Grundsätzlich fordert W.A.G.E. die adäquate Bezahlung für 13 Leistungsbereiche – vom bloßen Ausstellen bis zur Teilnahme an Podiumsdiskussionen – unabhängig von der Frage, ob und wie viele Produktionskosten im jeweiligen Fall übernommen werden. Der realistische Kern des Ansatzes ist dabei, dass die Höhe der geforderten Honorare vom Gesamtbudget der Organisation abhängig gemacht werden. Die Richtlinie unterscheidet dabei die drei großen Gruppen »Floor«, »Minimum« und »Maximum«.

In der Kategorie »Floor«, für Organisationen mit einem Jahresgesamtbudget von weniger als 500.000 Dollar, wäre demnach ein KünstlerInnenhonorar von 1.000 Dollar für eine Solo-Show (250 Dollar für Gruppenausstellungen) ausreichend für das Zertifikat, von dem sich die ProponentInnen die Wirkung eines Gütesiegels erhoffen. Auch aus den anderen Werten in der Kategorie »Floor« spricht Realismus: Mit 100 Dollar für Podiumsdiskussionen oder 0,25 Cent pro Wort für neue Texte werden kleinere Non-Profits, deren Wirken explizit gewürdigt wird, nicht ungebührlich überfordert. (2)

Bei Jahresgesamtbudgets ab 500.000Dollar wird das System komplexer: W.A.G.E. sieht hier Prozentsätze des jeweiligen Jahresbudgets vor, so etwa 0,20% des Jahresbudgets als KünstlerInnenhonorar für eine Einzelausstellung oder 0,12% für die Teilnahme an einer Gruppenausstellung. Verwendet man den mit dem System mitentwickelten Honorarrechner ergibt sich dann z.B. für eine Einzelausstellung im »Artists Space« (mit einem Jahresbudget von 1,644 Millionen Dollar) ein KünstlerInnenhonorar von 3.289 Dollar. Müsste ich einen Text für einen Katalog zu dieser Ausstellung schreiben, könnte ich mich auf 0,50 Dollar pro Wort freuen, denn der ehrwürdige – von KünstlerInnen gegründete – Space in Soho ist die erste Organisation, die sich bereits mit dem Logo »W.A.G.E Certified« schmücken darf. Die Secession in Wien, mit einem Jahresbudget von ca. 1,5 Millionen Euro, müsste sich z.B. in der Kategorie »Group Exhibition« zu einem KünstlerInnenhonorar von 927 Dollar ( 726 Euro) verpflichten, um »W.A.G.E. Certified« zu werden. (3)

Den EntwicklerInnen des Systems kann sicher nicht mangelnde Differenzierungsfähigkeit vorgeworfen werden: Bei Jahresbudgets ab 5 Millionen Dollar wird zusätzlich eine Unterscheidung zwischen »Minimum« und »Recommended« eingeführt, wobei der »Minimum«-Wert immer jenem für Organisationen mit 5 Millionen Dollar Jahresbudget entspricht. Für diese Kategorie gelten dann z.B. 10.000 Dollar für die Einzelausstellung und 2.500 Dollar für die Gruppenausstellung als Mindestwert. Grundsätzlich trennt W.A.G.E. zwar zu Recht die Frage des Ausstellungshonorars von Verkäufen und Produktionskosten, da die Forderungen darauf abzielen, jede Bereitstellung von Inhalt unabhängig von Marktchancen zu honorieren, doch könnte für den öffentlich geförderten Kontext diskutiert werden, ob ein honorarloses Ausstellen nicht doch fallweise akzeptabel sein könnte, nämlich dort, wo eine öffentlich finanzierte Produktion am privaten Markt ohne Gewinnbeteiligung verwertet werden kann.

Eine interessante Verknüpfung nimmt W.A.G.E. in der Kategorie »Maximum« vor, die für Organisationen ab 15 Millionen Dollar vorgesehen ist. Hier sollen zusätzlich Obergrenzen gelten, um neben dem prekarisierenden »Race to the Bottom« auch einem »Race to the Top« Limits zu setzen. Als Zertifizierungsgrundlage sollen KünstlerInnenhonorare für Solo-Shows ein durchschnittliches MitarbeiterInnenjahresgehalt nicht überschreiten, womit ein Versuch gestartet wird, die Honorarhöhen in Großinstitutionen an der Gehaltsstruktur für die Teams zu orientieren. Spielen wir dieses Beispiel etwa am Belvedere durch, kämen wir auf folgende Werte: Für die Solo-Shows wäre das Minimum weiterhin 10.000 Dollar, während als Obergrenze das Durchschnittsgehalt gelten würde, da der Prozentwert von 0,20% des Jahresbudgets als KünstlerInnenhonorar hier bereits deutlich über dem Wert von 31.000 Euro läge, die der Rechnungshof als durchschnittliches Jahresbruttogehalt für das Belvedere angibt. (4)

Zum Abschluss noch einmal der Hinweis für alle, die nach solchen Texten »Regulierungswahn« oder »Freiheit« rufen: Der von W.A.G.E. entwickelte Ansatz ist als freiwillige Initiative für Organisationen vorgesehen, die ein Interesse an dem damit verbundenen »Prädikat« zeigen. Zugleich dienen die Ansätze des Programms als realitätsnahe Basis für Angemessenheitsdiskussionen jeder Art. Diese sind mitunter langweilig aber trotzdem immer wichtig. Eine davon ist hiermit wieder eröffnet.

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(1) http://www.wageforwork.com/certification/1/about-certification

(2) Für die Mitarbeit bei Kulturinitiativen sei auf die Materialien der Initiative »Fair Pay« der IG Kultur hingewiesen:

(3) Zum Nachrechnen

(4) Einkommensbericht Rechnungshof

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