Rossknödel am Schnellbuffet

Gerhard Charles Rump, 15.03.13

Da! Da ist er wieder! Tschindert da ein weißer Sandhase durch Manhattan und ruft: „Zu viel! Zu viel! Viel zu viel!“ Recht hat’s, das Kinigl. Viel zu viele Kunstmessen, obwohl viel weniger als in Miami, und vor allem: Viel zu viel schlechte Kunst, von der man mit Unbehagen nur deswegen noch von Kunst redet, weil’s sonst nichts anderes sein kann. Außer Mist. Ja, und den gab es zur Armory Week auch, in jeder Menge.

Da wäre zum Beispiel die heuer 25. Jubelfest feiernde Art Show ADAA in der Park Avenue, deren guter, kleinerer Teil die Armory auf Pier 92 aufpeppen könnte, weil es einige Anbieter von musealer Qualität gibt. Etwa Mitchel-Innes & Nash mit einem spektakulären Arrangement von Hans Arp (um 150.000 bis 2 Millionen Dollar), Moeller Fine Art (Berlin/New York) mit Papierarbeiten erster Güte von Mark Tobey, Lionel Feininger, Paul Klee und Jean Dubuffet, Sean Kelley (New York) mit den z. T. atemberaubenden Künstlerporträts von Mapplethorpe. Neues: Kelly Heaton bei Ronald Feldman (New York), die in ihrem Tropenbusch keine Vogelstimmen vom Band ablaufen lässt, sondern diese selbst elektronisch erzeugt. Das sind Galerien, da geht man gern hin. Manche, freilich, mag man nicht ernst nehmen. Was soll’s dem Sammler, wenn ein Chinese der sich Hai Bo nennt Jürgen Klauke aufs Unverschämteste nachmacht und die Galeristin behauptet, dass sie das nicht wüsste? So gesehen bei Pace/McGill aus New York. Und das war ja kein Einzelfall, auf einem anderen Stand machte ein Mann aus dem Mittenreich den Koreaner Kim Yusob nach, wenn auch raffinierter. Andere „Dealer“ wiederum nehmen Mondpreise für Bilder, die nie hätten gemalt werden sollen, weil sie so etwas von schlecht sind, dass einem schwindlig wird. Wenn die ADAA-Messe da nicht die Bremsen anzieht, wird sie bald den Bach heruntergehen.

Das könnte auch der „Independent“ passieren, wenn die Sammler einmal aufwachen. Schlangen hat’s da zwar am Eingang, und ein jeder redet über die Messe, viel zu viele viel zu positiv übrigens, denn in dem Treppenturm in Chelsea – gestreichelt von der Art Cologne, deren Direktor Daniel Hug dort höchstselbst auftauchte und dessen Messe auf der Sonnenterrasse den Besuchern Kaffee aus Südamerika kostenlos reichte – war Qualität Mangelware. Im politisch immer korrekter werdenden Amerika, in der Tat wandelt sich die Neue Welt teils echt in die Schöne Neue Welt, sagt man nicht mehr „bull (…)“, sondern „horse manure“. Ok, dann gab es auf der Independent halt Rossknödel am Schnellbuffet. Bildermüll, vom Photoshop herbeigekarrt, plattes 60’s Revival gleichsam „on a stick“, aber fad, Keramik à la 1954 mit stilisierten Katzengesichtern in Obstschalen von Karin Gulbran bei White Columns (New York), die die Frage, ob da Ironie mit im Spiele sei nicht einmal verstanden, und dergleichen. Den Vogel abgeschossen hat allerdings Jürgen Drescher (Neu/Klosterfelde, Berlin). Der Mann, der schon mal große Alu-Ringe auf Paletten legt, hat diesmal noch weniger gezeigt: Sisalmattenreste, silbrig angesprüht. Da lohnt es sich gar nicht, sich aufzuregen.

Nun aber, Einhalt gebieten der Meckerei! Kann man, wenn man über die „Scope“ spricht. Die Scope, jahrelang stets besser geworden aber immer eine Art Abklatsch nach dem Motto „Wir sind doch aber auch eine gute Kunstmesse“, hat einen radikalen Turnaround geschafft und alles Volksschulhafte aus ihren Hallen verbannt. In einer neuen, guten Location, im alten Moynihan-Bahnhof am Post Office, gegenüber der Penn Station, tat sich dem Besucher ein junges, frisches, kreatives Kunst-Wunderland auf. Hoffentlich wird das auch im Sommer in Basel so.

In New York konnte man sich an so manchem aus einer breit gefächerten Palette freuen: Bei „Standing Pine“ aus Nagoya an den Kleinplastiken von Kenji Sugiyama (um 4900 Dollar), in denen die Fantasiewelt der Comics mit dem Alltag interferiert, bei Red Truck (New Orleans) überraschen bearbeitete Bücher (sieht man jetzt vielfach) von Joe DeCamillis („Guardrail“, um 1400 Dollar), und die aus Limoges-Porzellan selbstgefertigten weißen Figuren mit farbigen Teilen von Maria Rubinke (Hans Alf Gallery, Kopenhagen; 5000-9000 Dollar) ermöglichen ein völlig neues Kunsterleben, zieht die Porzellanfigur aus dem Sumpf kunstgewerblicher Beliebigkeit hinauf zu neuen Höhen ästhetischer Triumphe.

Auch hier, wie gelegentlich auch anderenorts, taucht „Gotisches“ auf, etwa bei der RARE Gallery (New York), die u. a. Johnston Fosters Schlangenzucht aus Bierflaschenkapseln (Klasse!) anbietet. Neomythologisch: Qin Weihong (Jahrgang 1985) bei Art Leixing (Miami), dessen „Guardian of Calmness“ (Rehgröße, farbig gefasste Bronze, ed. 8) eine eigene Schöpfung ist, beeinflusst von traditioneller chinesischer Mythologie. Ein nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch bedeutsamer Totenschädel von Alessandro Brighetti (bei Eduardo Secei Contemporary, Firenze) fasziniert: In schwarzer Flüssigkeit stehend, fängt diese an, den Totenkopf hinaufzufließen und merkwürdige, teils kondylomartige Formen zu bilden. Der Trick: Innen hat’s Magnete und das Schwarze ist Ferroflüssigkeit, eine kolloidale Flüssigkeit deren wesentlicher Bestandteil eiserne Nanoteilchen sind. Ungesehen, unerhört.

Zum guten Schluss die Volta. In neuem Quartier auf der Mercer Street (ein Wechsel, der gut tat) schlug sich die Einladungsmesse wacker. Obwohl aus Soloshows bestehend, hatte man den Eindruck, dass die Volta so ist, wie die Independent es gern wäre. Großerfolg für die 532 Gallery Thomas Jaeckel, der dem artmagazine.cc sagte: „Fantastische Messe! Bei uns läuft es unglaublich gut. Wir haben viele Sammler schon in die Galerie mitnehmen können.“ Superstar bei Jaeckel: Armando Mariño aus Cuba (Verkäufe um 24.000 Dollar). Ein weiteres Glanzlicht: Max Radzow (geb. 1978 in Boston) bei Jan Dhaese (aus Gent in Belgien). Mit Tuschen, auch farbigen, gestaltet er Großformate, in deren detailreichen, fantastischen Welten man sich verlieren kann (kleine Formate um 400 Dollar, große um 3.200 zu haben).

Ernst Hilger (Wien) punktete mit Miha Štrukelj, der diesmal schwarzweiße Straßenszenen mit Aufpixelungen zeigte (um 12.000 Dollar). Bei Kinz+Tillou wurde Brian Dettmer vorgestellt, auch jemand, der intensiv und genialisch Bücher bearbeitet und zu skupturalen Werken umformt (zwischen 10.000 und 15.000 Dollar). Eine frei im Raum schwebende Schöne faszinierte bei Jarmuschek & Partner aus Berlin: Marc Fromm versteckte die Haltevorrichtung im Bildwerk selbst (farbig gefasstes Metallseil, Gegengewicht im Bärenfell).

Auch diese Beispiele zeigen, wie intensiv und vielseitig die junge Kunst sich mit der zeitgenössischen Welt auseinandersetzt. Kein Trend herrscht, es gibt viele Überraschungen – und die Einsicht, dass die Kunst lebendiger ist denn je.

AADA The Art Show

Independent

Scope

VoltaNY

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