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Sixtinische Kapelle

Wenn die Herren Kardinäle sich ins Konklave haben einsperren lassen, dann sind sie allein mit sich und ihrer Mission. Ganz allein? Nein, denn zumindest eine Gestalt blickt ihnen entgegen bei ihrem Tun, heroisch, drohend, bannend, herrschend, ein wenig dionysisch und vor allem ganz apollinisch, denn die berühmte Antike von gleich nebenan, der Apoll vom Belvedere, stand Pate für sie und ihre Wirkmacht. Michelangelos Christus dräut den Kardinälen vom Jüngsten Gericht her entgegen, dass sie nur ja nichts falsch machen zur höheren Ehre des Herrn und seiner Mutter Kirche. Geht es nach Michelangelo, können sie aber auch nichts richtig machen. Verfahren sie nämlich, was sie sollten, streng katholisch, dann wird ihnen Michelangelo mit seinem Sturmwind von der Westwand her gleich deutlich machen, dass es keine Hierarchie gibt. Da ist keine Instanz, die dazwischen treten könnte, die die Kindlein zu welchem Zwecke auch immer zu sich kommen lassen und ihnen das Himmelreich eröffnen würde. Keine Kirche hat Platz an diesem zentralen Ort der Kirche, denn der Weltenrichter kennt keine Würdenträger, und alle treten nackt vor ihn hin, wenn es um die ultimative Zuteilung von Erlösung und Verdammnis geht (für uns Laien: Immer schon war es ein Problem, zwischen der individuellen Platzierung des frisch Hingeschiedenen und der letztgültigen in alle Ewigkeit zu differenzieren; was sich dabei als ganz praktikabel erwies, war die Trennung von Paradies und Himmel auf Seiten der Guten und jene von Fegefeuer und Hölle auf Seiten der Bösen; das eine war vorübergehend, das andere definitiv; müßig anzumerken, dass der Meister in seiner „Terribilità“ die definitive Version anstrebte). Michelangelo, Sixtinische Kapelle, Das Jüngste Gericht, Richtender Christus und Maria; Foto: Rom, Musei Vaticani Es ist aber auch nicht so, dass die Schriftgläubigen, die Vertreter eines „sola fide, sola gratia“ nach jener lutherischen Version, die zur Zeit der Vollendung des Jüngsten Gerichts 1541 gerade mächtig im Schwange war, glücklich würden. Dafür wiederum hat Michelangelo zuviel Kunst hineingepackt, hat nicht nur Anleihen beim Apoll vom Belvedere gemacht, sondern gleich nebenan, in der Figur des Bartholomäus mit der abgezogenen Haut, auch den Torso vom Belvedere brauchen können. Und überhaupt kommt zuviel Mensch vor, zuviel Fleisch, zuviel körperliche Schönheit. Das Ergebnis steht heute vor aller Augen. Auf Intervention ausgerechnet des ersten Kunstkritikers, Pietro Aretinos, wurden Michelangelos Nackte bekleidet. Und insgesamt beschloss der Klerus, die religiösen Dinge, wenn sie in Bilder übergeführt werden, wieder „buchstäblicher“, wie der Kardinal Paleotti es auf einen gut protestantischen Begriff brachte, zu verstehen, konkreter, alltäglicher. Nachvollziehbarer: der Barock etwa Caravaggios ist eine direkte Reaktion auf Michelangelos brachiale Entrückung ins Spirituelle. Nun brüten sie also, die Herren Kardinäle. An der Wand entlang sind sie dabei aufgereiht. Sie müssen sich nach Westen wenden, wenn sie das Wort ergreifen wollen. Dort wartet der Sekretär. Und Michelangelos Gericht.

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