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Dietmar Steiner 1951 - 2020

„Architektur ist Lebensmittel“

Die Architekturwelt trägt Trauer: Am 15. Mai ist Dietmar Steiner nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Als Gründungsdirektor das Architekturzentrum Wien (AzW) prägte er den Diskurs über Architektur fast ein Vierteljahrhundert maßgeblich mit. Er war ein Fixstern in der Wiener Szene, ohne ihn wäre ihre Sicht auf die Architektur eine andere. Als Autor, Theoretiker, Vortragender, Vermittler, Stratege, Mitglied vieler Gremien, Präsident von ICAM – International Confederation of Architectural Museums - und Juror bereiste er die ganze Welt. International bestens vernetzt, brachte er faszinierende Persönlichkeiten nach Wien. Mit nie versiegender Neugier und Interesse bereicherte er seine Expertise ständig um neue Perspektiven, leidenschaftlich, streitbar und unbeirrt vertrat er seine Meinung.

1951 geboren, studierte Steiner an der Akademie der bildenden Künste (zuerst bei Ernst A. Plischke, dann bei Gustav Peichl) Architektur und arbeitete an Friedrich Achleitners Archiv „Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert“ mit. Beide verband eine lebenslange Freundschaft, mit der Schenkung seines umfassenden Archivs an das Az W legte Achleitner den Grundstein für einen archivarischen Schatz, der seither um viele Nachlässe angewachsen ist. Ein Wissenspeicher künftiger Forschung. Steiners Konzept für das Az W beruhte auf den „berühmten vier Säulen: Architektur präsentieren, diskutieren, publizieren, archivieren.“ Als erste Instution im noch unfertigen Museumsquartier startete das Az W recht provisorisch aber umso enthusiastischer in der Alten Halle: Architekturinteressierte stifteten Stühle, rare Designerstücke wie Rainers Stadthallenstuhl fanden sich da neben Klappsesseln, Diskussionen und Vorträge waren hochkarätig besetzt und wurden vehement geführt.

Die Gründung des AzW 1993 fiel in die Zeit der abklingenden Postmoderne und der beginnenden Ära des Star-Architektentums, der Steiner mit Skepsis begegnete. Getreu seinem Motto „Architektur ist Lebensmittel“ waren seine Fragestellungen substantiellerer Natur. Dabei gelang es ihm mit untrüglichem Gespür, neue Themen zu setzen. Die Ausstellung „Just build it! Die Bauten des Rural Studio“ (2003) nahm als eine der ersten eine Architektur in den Fokus, die mit wenig Mitteln und viel Engagement soziale Verhältnisse nachhaltig verbessern will. „Alexander Brodsky. It still amazes me that I became an architect“ (2011) war eine sinnlich-poetische Sternstunde, „Das Gold des Az W“ (2013) lenkte den Blick auf die Sammlung, „Wien, die Perle des Reiches“ (2015) stellte erstmal das heikle Thema der Verflechtungen von Architekturschaffenden mit dem NS-Regime zur Diskussion. Nicht zuletzt sind Steiners Initiative auch die wunderbare Gestaltung des „Corbaci“ von Lacaton & Vassal und sieben einzigartige BUS:STOPs von sieben Architekten aus sieben Ländern im Vorarlberger Krumbach zu verdanken.

„Viele aktuelle Themen, von Klimawandel bis zur gebauten Solidarität hat Dietmar Steiner seismographisch vorweggenommen“, so Angelika Fitz, Direktorin des Az W. „Die Architektur und wir alle, die wir in ihr leben, haben einen großen Verbündeten verloren.“

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Anm.d.Red.: Isabella Marboe hat auch für Architektur Aktuell einen Nachruf verfasst: Link hier
Abbildung: Franz Gruber / KURIER / picturedesk.com

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