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Motz-Art

Dass Hitler ein Deutscher und Beethoven ein Österreicher war, gehört immer schon zum ehernen Wissensgut zwischen Boden- und Neusiedler See. So bereitwillig wie die Österreicher auf den berühmtesten Bewohner des 20. Jahrhunderts als einen der ihren verzichten, um sich dafür einen tauben Misanthropen einzuhandeln, kann das nur für eine große, souveräne und ihres Reichtums an Wahrem, Hehrem, Schönem sichere Kulturnation stehen. Ernst ist das Leben, heiter die Kunst, schwadronierte einst Schiller. Der Dichter mit der langen Nase war bekanntlich Deutscher. In Österreich gilt die Wahrheit andersherum. Hier trägt von jeher die Kunst den Vornamen Ernst. Damit sind wir beim Thema, und das ist diesmal von veritabler Seriosität. Die Piefkes nämlich stopfen ihr Sommerloch, indem sie sich einen der allerunsrigsten vornehmen. Den Johannes Chrisostomus Wolfgangus Theophilus Mozart ausgerechnet wollen sie ihrem ungewaschenen Volkskörper einverleiben, jenen Gottlieb, der sich selber gern "Amadé" schrieb, den wir Salzburger und Wiener und Landsleute aber im Jargon tiefsten Respekts Amadeus nennen. "So ist Mozart für uns Vorbild, Vollendung und Zukunft, völlig zeitlos in seiner Vollkommenheit, zeitfern und zeitnah zugleich, wie alle großen Leistungen der Menschheit. Wen solche Lehren nicht erfreun, verdienet nicht, ein Mensch zu sein; und erst recht nicht ein Österreicher. "Dergestalt steht alles, was man gelernt haben muss, in einer Ausgabe des Köchelverzeichnisses, Wien 1951, zu lesen. Eigentlich wäre dem auch nichts hinzuzufügen. Wenn nicht die Bildzeitung und das ZDF eine Liste von 300 Namen in die Welt und darüber den Titel gesetzt hätten: "Unsere Besten". Wen wollen sie sich dabei unter die schmutzigen Nägel reißen? Wolfgang Amadeus Mozart. "Deutsche wollen unseren Mozart", so nahm unverzüglich die Kronenzeitung das Passivpronomen wieder in Besitz. Magistral war das formuliert, in heiligem Zorn, in den appellativen Lettern der Frontseite, und sie fügte im Blattinnern noch hinzu: "...stehlen." Nun hat die Bildzeitung ihrerseits den Gegenanspruch formuliert und die Claims ins Deutsche zurück übersetzt: "Österreicher wollen unseren Mozart klauen". Der Streit um das Wort "unser", das eine Sorte Vokabel ist, die die Linguistik "Shifter" nennt, weil, wie etwa auch "ich" oder "hier", der Sprecher immer etwas anderes damit meint als der Hörer, dieser Streit schwingt sich zu einer Sublimität auf, die gerade noch von Mozart selbst übertroffen werden kann. Bestenfalls. Man denke womöglich an den Wiederholungszwang in der Schlüsselszene des "Don Giovanni", bei der sich der Titelhelt und die Statue, die ihn in den Orkus drängt, trotzige "Si" - "No"-Kanonaden liefern. Das könnte noch ewig so weitergehen, wenn sich nicht doch ein kleiner Unterschied ergeben würde. Er liest sich in Gestalt jener Subzeile, die sich die Bildzeitung nicht verkneifen wollte: "Geigen die noch richtig?". Dieser kleine Unterschied steht dafür, dass die Bildzeitung mittlerweile Kultcharakter hat, die Krone dagegen weiterhin ein reaktionäres Machwerk ist. Und er führt vor, wie grimmig es die Österreicher mit der Kultur und ihren Trägern meinen. Die Motz-Art mit Mozart gehört nicht zu ihren Künsten.

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