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Hanne Darboven - Bücher 1966-2002: Der Geist des Jahrhunderts

"Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben, und keins zu haben. Er wird sich also wohl entscheiden müssen, beides zu verbinden." Friedrich Schlegel, der erste Moderne, hat dies in den "Athenäums-Fragmenten" von 1798 seiner Epoche mit auf den Weg gegeben. Wenn die Moderne diese Maxime beherzigt hat, war alles gut. Wenn nicht, sieht es aus wie bei Hanne Darboven. Unter all den Erbsenzählern der Conceptual Art ist sie die Prinzessin. Seit mehr als drei Jahrzehnten spielt sie das Quersummenspiel, das ein Datum und die Zahlen, die für dieses Datum stehen, nimmt, um sie einer ganz speziellen Addition zu unterziehen. Nehmen wir, nur als Beispiel, den Bloomsdsday von James Joyce und rechnen im Darboven`schen Sinn: 16.6.1904 macht 16 + 6 + 0 + 4 = 26. Aus unerfindlichen Gründen werden dabei die Ziffern der Jahreszahl separat betrachtet, aus erfindlicheren immerhin die Stellen, die für das Säkulum stehen, eliminiert. Jetzt das Ganze Tag für Tag und Jahr für Jahr aufgelistet und in voluminöse Aktenordner eingeheftet, und fertig ist das Werk "Ein Jahrhundert Bücherei". Es gehört dem Mumok. Im Moment zeigt das Haus, was alles möglich ist an Serialität, Systematik und Solipsismus. "Die Problemlösungen des Zwangsneurotikers kommen uns verrückt vor, nicht weil sie falsch sind, sondern weil es schon bei der Problemstellung zu einem seltsamen Kurzschluss im Netz der Notwendigkeiten gekommen ist." Es sind solche Sätze, mit denen sich die Kunstkritik der Gegenwart die Orthodoxie der Konzeptualisten vorgenommen hat, und was für Sol Lewitt, auf den Rosalind Krauss sie gemünzt hat, billig war, das gerät bei Hanne Darboven in den Rausch des Preziosen. Denn im Gegensatz zu LeWitt, zu Mel Bochner oder Art & Language, die alle ihre Beckmessereien pflegten, vollziehen sich Darbovens Taten auch noch im Verborgenen. Es sind Hunderte von Regalmetern, die sie mit ihren "Büchern" füllt, doch niemand kann und darf sie in die Hand nehmen. Kopien hat man ausgelegt im Mumok und Blätter reihenweise an die Wand gehängt. Doch ist es nicht die raumfüllende Präsenz und ist es auch nicht die Beschäftigung mit der Zeit, der das Werk der Künstlerin angeblich verschrieben ist. Es geht nicht um Zeit, sondern um ihre Bezeichnung. Und es sind nicht Bibliotheken, sondern Geheimdienstarchive, die hier Modell stehen. Das Zwanghafte erfüllt sich im Hermetischen. Gottseidank, ist es nur Kunst.
Hanne Darboven - Bücher 1966-2002
20.09 - 23.11.2003

mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
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