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Fremde Federn

Heute reden wir von den Chefs. Von den Museumschefs. Wir reden von einem ganz buchstäblichen Skandal, einem Skandal, der mit jener Sorte, wie er gerade in Salzburg vom Zaun gebrochen wurde, nichts zu tun hat. Und auch nicht damit, dass der eigentliche Skandal um den in die Luft gereckten Pimmel darin besteht, wie wenig Kleingeld man ausgeben muss, um den direktoralen, von der Blaufärbung umwölkten Ruf zu polieren und sich zur Speerspitze der Avantgarde aufzuwerfen. Der Skandal, um den es heute geht, ist einer im Wortsinn. Er ist ein "Anstoss", und als solcher gehört er ins Vorwort. Im Münchner Haus der Kunst läuft gerade recht und schlecht eine Präsentation namens "Theatrum Mundi - Die Welt als Bühne", sie wurde ins Werk gestetzt aus Anlass des 350-Jahre-Jubiläums der dortigen Oper. Nun hat das renommierte Ausstellungsforum soeben einen neuen Leiter bekommen, Chris Dercon, dem es gerade gefiel, in der ersten Artikulation in der ersten Publikation unter seiner Ägide folgendes ins Vorwort zu schreiben: "Durch sie" - nämlich die Ausstellung, mit der Dercon im übrigen noch nichts zu tun hat - "wird München in diesem Sommer ganz besonders leuchten, und wir freuen uns alle auf die nächsten 350 Jahre Oper in dieser schönen Stadt." Keiner weiß, ob das zynisch sein soll oder gar lustig. Auf jeden Fall ist es dämlich, und ein solches Entree kann man sich von Grund auf sparen. Doch Museumschefs fühlen sich offenbar einem Terrain verpflichtet. Also wird es unermüdlich markiert. Auch ein Vorwort findet sich im Katalog zu "Das Auge und der Apparat", der Foto-Schau, mit der die Albertina im Frühjahr eröffnete. Und auch hier läßt der Chef, Klaus Albrecht Schröder, die Eingangsseiten nicht ohne eigene Zutat Revue passieren. Diesmal aber läuft die direktorale Rede auf eine raffiniertere Form der Reviersicherung hinaus. Schröder nämlich, so ließ sich vor kurzem lesen, verkauft das zweifellos stattliche, informative und gut gemachte Begleitbuch als eigene Publikation. Ein hinterhergehängtes "zusammen mit Monika Faber" gibt zwar einen gewissen Anteil an die Kuratorin zurück, doch bei weitem nicht das Text-Verhältnis wieder, in dem zwei Seiten Schröder-Vorwort einer veritablen wissenschaftlichen Arbeit von Monika Faber gegenüberstehen. Bibliografien sind dehnbar, und offensichtlich ist da einer mit seiner Karriere noch nicht am Ende. Ebenfalls ein Vorwort ist jenes aus dem Calatrava-Katalog des Kunsthistorischen Museums, in dem Wilfried Seipel sein Mütchen am Architekturzentrum Wien kühlt: "....war ich bemüht, in Wien eine Institution zu finden, die eine entsprechende Ausstellung vorbereiten würde, wie etwa das Architekturzentrum im Museumsquartier, doch blieb ich diesbezüglich erfolglos." Diese Sorte, es ist hier schon einmal zur Sprache gekommen, ist die abgefeimteste, denn es werden dabei nicht nur die eigenen hierarchieseligen Claims abgesteckt, sondern auch jene der Konkurrenz beansprucht. Vorworte zeugen von einer speziellen Platzhirschen-Mentalität, und es sieht so aus, als wären ihnen die Chef-Allüren heute deutlicher abzulesen als früher. Dass einem an Gegenwartsarchitektur Interessierten die Äußerungen eines Ägyptologen, einem Fotohistoriker die Ansichten eines Spezialisten für Malerei der Jahrhundertwende und einem Opernfreund die Meinung eines Verfechters der Conceptual Art nicht unbedingt nahe gehen, steht sowieso auf einem anderen Blatt. Die Vorworte dafür stehen auf jenem Blatt, wo früher das Plazet des Zensors angebracht war.

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