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Unterlinden

Nachdem diese Woche mit dem Anbringen des letzten Gipspaneels für den Großen Saal die Hamburger Elbphilharmonie endlich ihrer Vollendung entgegen sehen kann, der Bau des Baseler Büros von Jacques Herzog und Pierre DeMeuron, die in ihrer weltweiten Tätigkeit auch den regionalen Bezug nicht vernachlässigen wollen und deshalb Restaurierung und Erweiterung des Unterlinden-Museums im elsässischen Colmar übernommen haben und hier ihre Eingriffe soweit unter Dach und Fach bringen konnten, dass vor vierzehn Tagen Monsieur le Président Francois Hollande eine feierliche Einweihung vollziehen durfte, was dem Haus die Gelegenheit gab, auch die - vom Architektenduo besorgte - Eröffnungsausstellung mit dem Titel „Handeln, Betrachten“ zu inaugurieren, während vis-à-vis im Altbau endlich nach dreijähriger Versenkung wieder das Hauptwerk des Museums und auch gleich einer gewissen Kunstgeschichte insgesamt, der Isenheimer Altar des Matthias Grünewald, zu bewundern ist. Das sind, auf einen Satz gebracht, also die Neuigkeiten. Das Museum, Mitte des 19. Jahrhunderts in einem aufgelassenen Dominikanerkloster installiert, war städtebaulich ein wenig ins Hintertreffen geraten. Es war eine Art Kreisverkehr, um den herum die Touristenbusse ihre Runden drehten. Jetzt ist das Haus der Stadt wiedergegeben. Die Eingangszone wurde um 90 Grad gedreht und liegt jetzt dem Kirchengebäude mit dem großen Grünewald gegenüber. Außen wurde eine Fußgängerzone an- und der Bach, der bisher unter dem Asphalt lag, freigelegt. Einbezogen wurde das alte Stadtbad aus feinem Fin de Siècle mit seiner weiten tonnengewölbten Halle. An diesen Jugendstil- schließt sich ein Neubau an, der etwas zu mittelalterlich tut, eine puristisch-primitivistisch gehaltene Scheune für die Wechselausstellungen. Als Point de Vue baut sich noch ein ebenfalls neu errichtetes Häuschen auf, genau in die Mitte zwischen all die alten oder hinzugekommenen Trakte platziert, eine Art Urhütte, wie sie auch den Eingangsbereich von Herzog DeMeurons Baseler Schaulager markiert. Alles wird unterirdisch erschlossen, die Treppenanlagen, die in die Tiefe führen, sind eine Skulptur für sich. Natürlich bietet man nun einen weitaus breiteren Einblick in die Sammlungen. Ob die wirklich attraktiv sind, mit ihrer klassischen Moderne und ihrem Kunstgewerbe, darf man bezweifeln. Doch auch die Highlights sind neu ausgerichtet. Martin Schongauer, der Lokalmatador aus dem 15. Jahrhundert, dessen „Madonna im Rosenhag“ nur einige Schritte weiter in der Dominkanerkirche aufbewahrt wird, hat nun einen eigenen Saal. Die Tafeln, die man vielleicht ein wenig zu hochmögend mit seinem Namen verbindet, stehen frei im Raum und wunderbar der Besichtigung offen. Einen kurzen Weg weiter wartet ein schöner Lucas Cranach, eine Melancholie, die sich ihren Reim macht auf Dürer. Grünewald ist an seinem Stammplatz im Kirchengebäude geblieben. Immerhin hat der Isenheimer Altar neue Träger bekommen, Stahl, in gediegenem Dunkelrot, die ganze Inszenierung ersonnen von den Architekten. Aufdringliche Abstandhalter ziehen sich als Fußangeln 20 Zentimeter über dem Boden entlang, in Triangelform gehalten, so dass man die vier Stellagen, die die diversen Werk-, Sonn- und Feiertagsversionen des vielteiligen Wandelaltars balancieren, zwar seitlich von ganz aus der Nähe, ihre Mittelpartien aber nur in gehöriger Distanz wahrnimmt - ein seltsamer Manierismus, der den asketischen Schweizern gemeinhin eher nicht unterläuft. Damit sich der Aufwand von knapp 50 Millionen für das alles amortisiert, sollen statt 200.000 nun jährlich 350.000 Besucher kommen. Und damit dieser Blog auch weiterhin seine Leserschaft findet, sei hier versprochen, dass nach diesem trockenen Bericht wieder etwas Kulinarischeres kommen wird. Womöglich zum Isenheimer Altar.

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