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David Bowie 1947 – 2016

Das dritte Lied auf seiner neuesten Platte heißt „Lazarus“. „Look up here, I´'m in heaven – I've got scarfs that can't be seen – I've got drama, can't be stolen – Everybody knows me now“: So geht die erste Strophe des Songs, zu hören erst seit letzter Woche. Wunden, die man nicht sehen könne, werden beschworen, doch welche Musik dieses Genres spielte nicht auf der Klaviatur der Verletztheit. In einer Sphäre, in der seit John Lennon, irgendein Vorbild muss man schließlich haben, immer wieder Jesus Christus bemüht worden ist, war der Vergleich mit Lazarus geradezu ein Understatement. Everybody knows me now.


David Bowie, Videostill aus "Lazarus", 2016

Dass das alles gerade drei Tage später so niederschmetternd buchstäblich zu nehmen wäre, ist dann doch buchstäblich niederschmetternd. Pop-Musik ist Pose, Performance, Pathos, ist Attitüde, die origineller Weise Form wird, auch wenn die Musik, in die sie sich kleidet, das meistens Uninspirierteste ist. Und wer hätte diese pure Wahrheit des „AwopBopaLooBopALopBamBoom“ getreulicher beherzigt als David Bowie. Authentizität ist da nur eine Zutat im Elixir der Gegenwahrheit an die Betriebsamkeit der Welt.

Thomas Meinecke hat vor einigen Jahren Lady Gaga mit seinem Lieblingsitaliener drei Straßen weiter verglichen: Man geht gern hin, der Wirt ist so freundlich, die Atmosphäre unprätentiös, die Sperrstunde gilt nicht für einen und überhaupt, man fühlt sich pudelwohl; leider ist das Essen nicht besonders. Wie die Pizza nimmt man die Musik in Kauf, die gern einmal ein wenig aufgewärmt schmeckt.

Das kann man auch Bowie in Rechnung stellen. Gerade seine größte Zeit, die Siebziger, liefern den Digest dessen, was gerade en vogue ist. „Diamond Dogs“ ist Rolling Stones der „Exile on Main Street“-Phase, „Ziggy Stardust“ ist, wo nicht schlichter Rock'n Roll („Suffragette City“ mit der Zeile „Wham Bam, Thank you Mam“) Lou Reed (der von „Transformer“). Lou Reed, der Bowie am deutlichsten natürlich bei „Heroes“ ist (der von „Venus in Furs“). Und der größte Erfolg seiner späteren Jahre, „Let's Dance“, die einzige seiner Singles, die es in England und Amerika auf Platz eins der Charts brachte, ist der Soul-Funk von Nile Rodgers und seinem „Chic“.

Derlei Anleihen sind die Basis für den Überbau, in dem Bowie ganz groß war. Mit ihm ist Pop in die konzeptuelle Phase eingetreten. Wie Conceptual in der bildenden Kunst die grundsätzlichen Voraussetzungen des eigenen Arbeitens vorgelegt hat, die Sprache, den Körper, Raum und Zeit und Kontext, so Bowie diejenigen der gleichzeitigen Musik. Mit ihm wurde die Chose reflektiert, und auf seine Weise war er ein Vertreter des Progressive Rock, auch wenn bei ihm das weniger eine Angelegenheit ausufernder Symphonik als der Begleitumstände war.

Weil so viele Rollen möglich sind in seiner Branche, musste Bowie sich so viele auf den Leib schneidern. Also war er das „Chamäleon“. Bildnerische Performer, schreibt Diedrich Diederichsen „Über Pop-Musik“, können sich auf einen einzelnen, dann als Werk verstandenen Auftritt verlassen, „um mit einer bestimmten Spielregel das Verhältnis von Ernst und Spiel zu bestimmen. Diese Freiheit hat die Pop-Musik nur in Ausnahmefällen“. Auch Bowie hatte diese Freiheit nicht. Sein Jonglieren mit den Rollen vollzog sich in Phasen, von glamourös bis düster, von Disco zu Hip Hop, von laut bis leise, immer an der Naht der Aktualität.

Er hat ein Leben dafür gebraucht. Er hat die Star-Tümer, die öffentliche Wirksamkeit mit sich bringt, ausgelotet. Es war Sternenstaub, Stardust, der seinen Welterfolg begründete. Als schwarzer Stern hat er sich verabschiedet, „Blackstar“ ist der Titel seiner letzten Veröffentlichung. Es ist sehr schnell gegangen. Es heißt, er hatte Krebs.

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Link Rainer Metzger zur Ausstellung "David Bowie" in Berlin

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