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So weit die Füße tragen

Hartgesotten und weichgespielt gefällt sich der Besucher in seiner Autokratie. So muss es gemeint sein, was sich die diesjährige Biennale unter der "Diktatur des Betrachters" vorstellt: Sechsunddreißig Grad, im Schatten, versteht sich, nicht endenwollende Hallen, die Zweck- und Unzweckentfremdung jedes irgendwie flächigen Gegenstandes zum Fächer, der Fetischismus der Frischluft, der dazu führt, dass man auch im 18 Grad messenden amerikanischen Pavillon obsessiv vor dem Gesicht herumwedelt, und die Verzweiflung des in der Wüste Verschollenen, der sogar die letzte Hoffnung, die Richtung, das Ziel, die Oase, verloren hat. Wer auf der Biennale seinen Irrweg antritt, dreht seine Runden im Kreis. Keiner aus diesem Haufen Gestrandeter ist auch nur annähernd in der Lage, so etwas wie Gedanken zu gewinnen, sie zu ordnen und beieinander zu behalten. Von Saal zu Saal zieht man den längst unbotmäßigen Leib, in der bangen Erwartung, dass es mit der nächsten Enfilade immer noch nicht sein Bewenden haben wird, und das Verhältnis von produktivem Aufwand der Künstler zu rezeptivem Engagement der Wahrnehmenden spottet jeder Beschreibung. Wenn es hoch kommt zehn Sekunden gestattet man sich pro Raum, Smalltalk eingerechnet, der sowieso nur über die Hitze geht, und das meiste von diesem Minimalaufwand an Zeit konzentriert sich auf das in die Fasson Zwingen, Hochhieven, unter die Achsel Klemmen und vom körpereigenen Schweiss Fernhalten der zahlreich an sich gerafften Broschüren, Kataloge und Weltverbesserungsvorschläge. Der Rest ist Schlurfen. Stärker als die Konkurrenz vom Schreiben, Musik machen oder Bewegungsfäden Aufrollen, haben sich die bildenden Künste jener Dimension verschrieben, die man als Milieu, Kontext, Situation, Ortsspezifik etc. kennt. Das haben sie nun davon. Gnadenloser als überall sonst prallt die Sonne auf sie nieder. Und die große Instanz der Autorisierung, die, wie Duchamp es nannte, die Kunst erst macht, die Betrachterschaft, sie schleppt sich heran, nimmt kaum wahr und noch weniger Anteil. Dabei könnte sie, wenn sie mit Literatur befasst wäre, so schön daheim im Liegestuhl sitzen oder zumindest in der Kühle eines schwarzen Kinosaals und sich einen Film vorführen lassen. Stärker als die Konkurrenz haben sich die bildenden Künste auch dem Diskursiven verschrieben, und das ist nichts anderes als das Gegenrezept. Es geht eben nicht um die Werke, sondern um das darüber Reden, Nachdenken, Publizieren. Diskursivität, das ist die Nachträglichkeit des Verbalen zum im Treibhaus verhinderten Visuellen. Diskursivität, das bedeutet den urplötzlichen Ernst bei der Sache, der einem in den Giardini und ihren anschwellenden Temperaturen beim besten Willen versagt war. Diskursivität, das ist die Verstreuung der Rezeption, nach ihrer Zerstreuung vor Ort. Diskursivität, das ist all das, was einem in Venedig, auf der Biennale, bei diesem Klima völlig egal war. Diskursivität, das ist die Duftmarke des Ich-War-Dabei. Diskursivität, das ist die Betonung auf Ich - W a r - Dabei.

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