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1918 - 1933

Der Poet als Prolet: Überhaupt nichts von einem Schriftsteller hat der Mann, wie er da mit nacktem Oberkörper, leichtem Übergewicht und misstrauischem Blick vor dem Porträtisten aufgetaucht ist. Zwar scheint er über den Dingen postiert, doch statt auf Pegasus zu reiten, ist es eine Art Kran, der ihn nach oben gehievt hat. Da sitzt er nun in luftiger Perspektive und stellt seine Tätowierungen und mit ihnen seine Weitgereistheit zur Schau. Die Hautmalereien scheinen aus Ostasien zu stammen, aus Amerika und vor allem von den Schiffen, die er brauchte, um herumzukommen. Der Mann ist in der Tat Schriftsteller, doch dass er nicht zum Lyriker taugt, trägt er unverhohlen nach außen. Der Mann ist, seine Tätowierungen sprechen Bände, Reporter, und das war in den 20er Jahren längst kein Hinderungsgrund dafür, als Belletrist zu gelten. Er ist der Reporter schlechthin, der „rasende Reporter“, wie er 1924 eine Sammlung seiner Texte nannte: Egon Erwin Kisch. Nicht, dass die Epoche und ihre Umgebung, in der Kisch seit 1921 sein Wesen trieb, zwischenzeitlich aus der Konjunktur gefallen wären. Zum Jahreswechsel 2015/16 gibt es aber gleich drei Ausstellungen, die sich mit der Weimarer Republik, ihrer prekären Situation zwischen autoritärem und totalitärem Regime und ihrer kulturellen Welthauptstadt Berlin beschäftigen. Die Ostdeutsche Galerie in Regensburg gibt „Messerscharf und detailverliebt – Werke der Neuen Sachlichkeit“. Im Los Angeles County Museum heißt es „The New Objectivity - Modern German Art 1919-1933“. In der Neuen Galerie in New York war schließlich bis letzte Woche „Berlin Metropolis: 1918 – 1933“ zu sehen. Die Ostdeutsche Galerie fokussiert programmgemäß den Beitrag von Künstlern aus dem Gebiet jenseits der Elbe. Die beiden amerikanischen Veranstaltungen sind dafür gerade auch im Rahmen der seltsamen Weltgeltung zu verstehen, die die Deutschen und ihre Politik in der Gegenwart beanspruchen. Überlagerungen in der Perspektive scheinen dabei durchaus erwünscht. Christian Schad: Egon Erwin Kisch, 1928, © Bildrecht, Wien 2016 Christian Schad ist der Maler des Schriftsteller-Porträts. Geboren 1894 im bayerischen Miesbach, hatte Schad in Wien gelebt, ehe auch er der Sogwirkung Berlins erlag, und zwar in eben dem Jahr 1928, als Kischs Bildnis entstand. Es war auch das Jahr, als Max Schmeling im Sportpalast gegen Franz Diener um die deutsche Meisterschaft im Schwergewicht boxte. Es gab ein Programmheft zu diesem Kampf, und Kisch war darin mit einem Essay vertreten. Ebenso mit Texten vertreten waren Leopold Jessner, der Intendant an Schauspielhaus und Preussischem Staatstheater; Friedrich Hollaender, der Komponist, der später Marlene Dietrich „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ auf den Leib schreiben wird; Kurt Pinthus, der Herausgeber der wichtigsten Lyriksammlung zum Expressionismus, betitelt „Menschheitsdämmerung“; Carl Zuckmayer, der Bühnenautor; sowie Herbert Jhering, der neben Alfred Kerr grimmigste Theaterkritiker der Weimarer Zeit. All diese Heroen des Feuilletons schrieben also für eine Sportveranstaltung. Nichts vielleicht kennzeichnet die typisch Berliner Verschmelzung von Oben und Unten, von High und Low, von elitären Bedenken und massenhafter Begeisterung besser als diese denkwürdige Koinzidenz. Eine solche Vor- und Frühform dessen, was dreißig Jahre später Pop Art heissen wird, ist Berlins ureigener Beitrag zur Kulturgeschichte der Welt. Dass in dieser Vermengung von Masse und Macht die spätere Katastrophe enthalten ist, gehört zum Bild.

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