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Sensationen des Gewöhnlichen

Ende der Siebziger gab es in einem Züricher Kino eine Talkshowreihe mit dem Titel „Sensation des Gewöhnlichen“. Die beiden Veranstalter, Walter Keller und Nikolaus Wyss, fanden das dabei Gesagte so bemerkenswert, dass sie Protokolle davon veröffentlichten und die dafür veranschlagte Publikation „Sensationsblatt des Gewöhnlichen“ nannten. Daraus sollte sich eine der bemerkenswertesten Schweizer Zeitschriften entwickeln, die den alten Titel als Unterzeile beibehielt, aber unter „Der Alltag“ bekannt wurde. Anfang der Neunziger war die Redaktion nach Berlin gezogen, denn Michael Rutschky hatte sie unter seine Fittiche genommen. 1997 stellte „Der Alltag“ sein Erscheinen ein. Das, wonach er sich benannte, existiert unverdrossen weiter. „Sensationen des Gewöhnlichen“ ist der nur leicht variierte Untertitel der Erinnerungen an gewisse Jahre, die Michael Rutschky gerade veröffentlicht hat. Von kaum kenntlicher Unterscheidbarkeit sind entsprechend auch die Tage, die er darin Revue passieren lässt. Es handelt sich um jene, die Rutschky, der hessische Ur-Berliner, zwischen März 1981 und Juni 1984 in München verbracht hat, um in der Hauptstadt des deutschsprachigen Verlagswesens wieder einmal Zeitschriften-Redakteur zu sein. „Transatlantik“ hieß das ephemere Projekt, und ansonsten war es ein Kinderspielplatz intellektueller Eitelkeiten. Das war München indes generell, und Achternbusch und Enzensberger und Sloterdijk kriegen ihr Fett ab. Letzterer wird im Juni 1981 zum Essen eingeladen: „Der kommt mir nicht mehr ins Haus“, heißt es als Fazit in den Memoiren, auf den Punkt gebracht von Rutschkys Ehefrau Kathrin, die damals eines der wenigen Vorzeigestücke weiblicher Essayistik in der Republik abgab. Doch eigentlich ist das schon zuviel der Kolportage. Lieber geht Rutschky, der fortlaufend als „R.“ firmiert und sich damit ein wenig aus der Linie des Ego-Shootings nimmt, mit dem Hund spazieren, taxiert die Ästhetik seiner „halblangen Hosen“, schaufelt Schweinsbraten in sich hinein und durchforstet das Freigehege der seinerzeit brandaktuellen „Nackerten“ im Englischen Garten. Nicht alles gefällt ihm hier: „Eine, deren Gesicht hübsch ausschaut, offeriert abscheuliche Brüste: kleine abstehende Schläuche, den Zitzen einer Kuh ähnlich“. Der Jargon, den er vor mehr als dreißig Jahren zu Papier brachte, wird generell nicht ins Neudeutsche übersetzt. Gnadenlos also treibt „der Mongo“ nun sein Wesen als „Idiot“. Das Gewöhnliche, es ist in seiner Gegebenheit so etwas wie authentisch. Nicht, dass nichts passiert wäre. Rutschkys Weggefährte Rainald Goetz ritzt sich in Klagenfurt die Schreiberstirn, die Angst vor dem atomaren Overkill ist zu spüren, in München gibt es den Hagelschlag des Jahrhunderts, und Rutschky erleidet gar einen Herzinfarkt. Von Krise allerdings keine Spur. Die kleinen Herzlosigkeiten sind der Erwähnung genug: „Als R. mit einem Zwanzigmarkschein bezahlt, gibt sie auf hundert heraus. Obwohl R. es gleich erkennt, korrigiert er sie nicht, sondern streicht den Gewinn ein.“ Zweimal findet Silvester statt. Den Jahreswechsel 1981/82 verbringt man tanzend in der Alabamahalle, an jenem darauf macht man sich vor Mitternacht davon. „'Wahrscheinlich hast du Recht'“, resümiert Kathrin, als sie zu Hause vor dem Fernseher sitzen, 'wahrscheinlich wäre es wieder eine Nacht der Geständnisse und der Attacken geworden, und wir wären nicht mehr weggekommen“. Das gilt es jederzeit zu verhindern. In diesem Sinn: Ein gutes 2016. Michael Rutschky, Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen, Berlin: Berenberg 2015

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