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Quote

Kommen mir für diesen Beitrag deren zwei andere gerade recht, wie sie in den letzten Tagen im artmagazine zu lesen waren. Zum einen der Bericht, dass „Die Bestie und/ist der Souverän“ des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart von der deutschen Sektion der AICA soeben zur „Ausstellung des Jahres 2015“ erklärt worden ist. Zum anderen der Verriss, den Nina Schedlmayer der Kunsthalle Wien für deren „Politischer Populismus“ hat angedeihen lassen. In Wien, schreibt die Rezensentin, sei nicht klar, ob das Thema nun Überwachung sei, ob Migration, ob Identitätsfragen oder nicht doch schlechterdings „alles und nichts“. Stuttgart, so darf man feststellen, kontert mit den gleichen Problematiken. Auch hier schreibt sich die Multitude in eine Kritik der Heteronormativität ein und das um so gnadenloser als hier der Kontext des spezifischen Okzidentalismus noch Sous Rature steht. Vulgo: Im Titel bemüht man Derrida. Der ist mehr als zehn Jahre tot, aber im generellen Zusammenhang der Angelesenheit immer noch der Weisheit letzter Stichwortgeber. Womöglich deswegen erntet die Veranstaltung Wohlwollen. Die perfekte Kunstvereinskunst, die im Kunstverein Stuttgart zu sehen ist, arbeitet, wie es sich gehört, mit allerlei Kopiertem. Anders als die Kunsthalle Wien darbt man als derlei Institution, und Armut ist in einem von Neureichentum überbordenden Betrieb bekanntlich sexy. Gegenüber Wien hat man im Faible fürs Subaltern-Marginalisierte eine Verlogenheit weniger. Die Exponate stehen gewissermaßen authentisch für den Outsider-Charme, der kein Chic werden darf, denn sonst würde ja die Stadt entlarvt, und um die darf es im Fokus globalen Engagements auf keinen Fall gehen. Anders als in Wien, wo man sich mit einem unbeholfen provokatorischen Motto behelfen muss, hat man in Stuttgart seinen echten Skandal. Ines Doujaks Pornogruppe für monarchische Zölibatäre hat Aufstellung bezogen, nachdem bei der ersten Station in Barcelona einige Verwirrung darüber entstanden war, mit Entfernung aus dem Museum, Zensurgezeter, Rücktritten und entsprechender Berichterstattung. Dass man damals vor Ort einem durchaus rechtslastigen Kleinstaatennationalismus Vorschub leistete, muss jetzt, da man symposiumsbewehrt die Freiheit der Kunst wiederhergestellt hat, nicht weiter ein Problem sein. Ines Doujak, Not Dressed for Conquering (Nicht für’s Erobern gekleidet) / HC 04Transport, seit 2010, Ausstellungsansicht The Beast and the Sovereign, Museu d’Art Contemporani de Barcelona, 2015, Courtesy: Ines Doujak © Foto: MACBA Immerhin, die Quote stimmt an beiden Orten. Geschlechter, Ethnien, Sexualitäten, Herkünfte und Hintergründe sind mit akribischer Gerechtigkeit im Raum verteilt. Die Kritik hatte jahrezehntelang Zeit, derlei den Präsentationen in Rechnung zu stellen und ihnen mit Empörung zu begegnen, sollten die Prozentanteile in der moralisch verfänglichen Schräglage früherer Zeiten verbleiben. Vor lauter Ausbalancierung der innerbetrieblichen Ungleichheiten haben die Ausstellungen ihre Themen verloren. Affirmative Action bedingt noch keine Fähigkeit zur Negation. So kreisen die Heteronomien in ihrer Massivität um eine leere Mitte. Die läge natürlich in der Autonomie. Keine Arbeit, die sich öffnete ohne die Lektüre eines ausufernden Textes – natürlich nicht, denn es wäre ja rassistisch, logozentrisch und auf jeden Fall anti-intersektional, wenn man davon ausgehen dürfte, dass man als mainstreamiger Einzelner mit seiner stringenten Vorurteilsbehaftetheit irgendetwas verstünde. Heutzutage kapiert man Kunst mit dem Körper. Oder man kapiert sie nicht. Beides jedenfalls ist ungeheuer politisch.

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