Werbung
,

Botticelli praktisch

Die Berliner Gemäldegalerie gehört zu den zehn bedeutendsten Pinakotheken überhaupt. Da ließe sich gut mit dem Pfund wuchern, wenn es um Tauschgeschäfte etwa bei Ausstellungen zu Sandro Botticelli geht. Im Moment haben sie so eine Ausstellung vor Ort, und doch ist die Veranstaltung eine Revue der Möglichkeiten, wie man weitestgehend ohne hochgradige Leihgaben auskommt. „The Botticelli Renaissance“ ist so klug wie manipulativ, ein Muster an inszenatorischem Unterschleif. Was macht sie nun so anders, so anziehend? Ausstellungsansicht "The Botticelli Renaissance" Staatliche Museen zu Berlin, 2015 / Achim Kleuker Nur zwei Werke des Florentiner Quattrocentisten, der den Parvenüs von der Familie Medici so etwas wie den Hofkünstler gab, sind signiert. Unabdingbar ist es, das Duo auch vorführen zu können, das Gesamtwerk sozusagen. In einer Art Schatzkammer, rot ausgeschlagen und erhaben-kitschig ausgeleuchtet, prangen eine Zeichung zu Dantes „Göttlicher Komödie“, die man praktischerweise selber besitzt, und eine „Mystische Geburt“, daheim in Londons National Gallery. Praktisch ist es auch, wenn die beiden Authentizitäten sich nicht zu sehr ähneln, zum einen weil sie verschiedenen Medien und dann auch noch verschiedenen Lebensphasen angehören. Die Dante-Illustration stammt aus der Zeit um 1480, als auch die beiden Berühmtheiten Botticellis, „Der Frühling“ und „Die Geburt der Venus“, entstanden; sie hängen in den Uffizien, wo sie auch verblieben. Am Ende seines Lebens wurde aus Eleganz Bigotterie, der Maler warf sich dem Bußprediger Savonarola an den Hals, und das wiederum sieht man seiner rachitischen „Geburt“ an. Wenn also die beiden gesicherten Werke schon so unähnlich zueinander sind, lässt es sich trefflich mit den Unwägbarkeiten jonglieren. Dutzende jener Tafeln, die man als „Eigenhändig“, oder als „Umkreis“, als „Schule“ oder als „nach Art“ klassifiziert, treten zum Rapport an. Die Ausstellung lässt jede Klassifizierung sein und delegiert es an die versammelten Kompetenzen der Besucher, eine Zuschreibung zu starten. So hat man viel Ware auf dem Laufband, Zweit- bis Viertklassiges, und aus dem Discount darf dann das Idealporträt der Simonetta Vespucci hervorstechen, das als eigenhändig gilt. Praktisch, dass man es selber besitzt. Dann verlängert man den Alten Meister in die Gegenwart. Hat man nun mit drei einigermaßen originalen Arbeiten und jeder Menge Nebensächlichem eine Hälfte der Schau bestritten, wird nun nachgeladen mit Botticelli Reloaded. Allerlei Modern-Retrospektives aus den letzten 200 Jahren ist versammelt. Andy Warhol hat sich bekanntlich einmal die Venus vorgenommen. Die Präraffaeliten um 1850 wiederum wollten, wie der Name schon sagt, zurück in die Zeit vor Raffael, und da kam ihnen der eine Generation Ältere mit seinen somnambulen Nackten gerade recht. Teil des Defilees ist eine Original-Schönheit Botticellis, die man praktischerweise selber besitzt. Sie hängt da weniger zum Vergleich denn als eine Art Geschmacksverstärker, so dass dann auch die pubertierenden Strandläuferinnen der Rineke Dijkstra, die sie rahmen, so aussehen, als würden sie sich in Botticelli-Pose werfen. Das Schämen aber, das die Mädchen in ihren Badeanzügen perfekt verkörpern, verdanken sie keiner Venus Pudica der Kunstgeschichte, sondern allein ihren Hormonen. Blick in die Ausstellung "The Botticelli Renaissance" Staaatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie, 2015 / Achim Kleuker Fertig ist die Renaissance-Schau. Man dreht dann noch die Chronologie um, so dass die Besucher mitten hineinfallen in die Aktualität, der sie dann verpflichtet bleiben auch noch vor dem banalsten Second-hand. Das Ergebnis sind Hunderttausend Eintritte zu, wenn es hochkommt, fünf echten Botticellis. Die Gemäldegalerie zeigt, wie man es machen soll. Die Gemäldegalerie zeigt, wie man es nicht machen soll.

Ihre Meinung

1 Posting in diesem Forum
Botticelli
psiquiatrasubliminal | 04.03.2016 08:25 | antworten
Aphrodite According to Hesiod's Theogony, she was born when Cronus cut off Uranus' genitals and threw them into the sea, and from the sea foam (aphros) arose Aphrodite. Venus In myth, Venus-Aphrodite was born of sea-foam. Roman theology presents Venus as the yielding, watery female principle, essential to the generation and balance of life. If the goddess was born from sea foam, why has she belly button? https://www.youtube.com/watch?v=-Ue6VF5SuVI

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: