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Venedig 4

Die Welt ist schlecht, aber die Kunst ist gut. In seiner Dylan-Doku „No Direction Home“ blendet Martin Scorsese zurück ins Jahr 1962, als des Sängers Karriere Fahrt aufnahm. Bis heute mit zu Händen zu greifen ist im Film die Panik, die in New York die Gemüter gepackt hatte, weil die Kuba-Krise alle von der Atombombe reden ließ, die am nächsten Tag auf sie fallen würde. Und was ist der letzte Schrei in der Kunst? Eine Factory, die Dosen mit Tomatensuppe stapelt und Dollarscheine aneinander heftet. Kunst dient der Kompensation. „All the World's Futures“ heißt, es ist mittlerweile fast schon wieder vergessen, die Themenschau, die Okwui Enwezor der diesjährigen Biennale angedeihen ließ. Sie sieht aus wie die Präsentation, die Enwezor 2002 der Documenta angedeihen ließ, und entsprechend gibt es jede Menge Krisenbewusstsein und die passenden Bilder dazu. Aus Syrien und Südafrika erreichen uns entsprechend künstlerische Katastrophenmeldungen, und Monica Bonvicini lässt dazu passende Gebilde aus schwarz lackiertem Kriegsgerät von der Decke hängen. Gleich nebenan sind Zeichnungen zu sehen, sie stammen von Abu Bakarr Mansaray, der aus Sierra Leone stammt und sichtlich am eigenen Leib getroffen ist von den Gebilden zum „Lethal Purpose“, die er da martialisch ersonnen hat. Gleichsam auf sie gerichtet dann eine Kanone von Pino Pascali, nochmals was zum Schießen, doch aus dem Jahr 1965, als derlei offenbar Europa noch etwas anging. Nach wie vor prallen hinten in der Türkei die Völker aufeinander, und die Ausstellungen, die uns das Gemetzel appetitlich servieren, lassen es uns geradezu behaglich fühlen. Crisis? What Crisis? Als ich Enwezor im Jahr 2002 in Wien, er war in der Stadt zur Vorberichterstattung der documenta, fragte, was er zur damals regierungsamtlichen Autorität eines Herrn namens Haider halte, bekam ich zur Antwort: „We are not concerned with Austria“. Probleme In Situ tangieren einen Jet Set-Kurator nicht einmal peripher, und so ist seine Veranstaltung einmal mehr eine Musterschau in Woanders-Hinsehen. Dass ausgerechnet Baselitz mit seiner Kopfüber-Schlafwandelei die Malerei vertritt, erklärt sich dann übers Courtesy; in dieser Reihenfolge: Gagosian, Ropac, White Cube. Immer noch verheeren täglich monströse Kreuzfahrschiffe Venedigs Silhouette, und was sie mit sich führen, Tausende überökonomisierter Achtzigjähriger, die sich für die Zukunft der Welt halten, würde ins propagierte Krisenmanagement der Biennale passen, wenn sie denn eines hätte. Letztes Jahr hat Salvatore Settis, der Archäologe und Vorzeigeintellektuelle, eine Streitschrift „gegen den Ausverkauf“ der schönsten aller alten Städte publiziert. Soeben ist es unter dem Titel „Wenn Venedig stirbt“ ins Deutsche übersetzt worden. Settis fordert darin was er einen „Vitruvianischen Eid“ nennt für Architekten. Sein Vorbild ist der Hippokratische Eid der Ärzte. Wie wäre es in diesem Sinn mit einem Szeemannianischen Eid für Kuratoren?

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