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Die Aufmerksamkeit für die Aufmerksamkeit

In Österreich genügt es, beim ORF das Wetter anzusagen, um es aufs Illustriertencover zu bringen. Offenbar gibt es keine richtige Prominenz hierzulande. Niddl ist nicht Naddel und Tschuggnall ist nicht Hucknall, aber ein wenig Fernsehfuzzi-Dasein reicht, und schon sitzt man neben Jörg Haider im NEWS-Porsche. Da haben es die Deutschen ganz anders. Die haben den Tennis-Multi und die Kanzlergattin, haben Boris und Doris und wie sie alle heißen und gleißen im Scheinwerferlicht. Vor allem haben sie das Organ für die lautstarken Auftritte. Sie nennen es "Bunte". Eben diese "Bunte" hat nun einem österreichischen Universitätslehrer eine seltsame Präsenz verschafft. Georg Franck, Professor für EDV-gestützte Methoden in Architektur und Raumplanung an der TU Wien, wurde zum Stichwortgeber in einer Werbekampagne, die sich das Blatt selbst auf den Leib inserierte. In mondänem Ambiente räkeln sich dabei ein ebensolches Model und bietet jede Menge Sicht auf einen freien, die Beine an Länge schier übertreffenden Rücken. Und an jener Stelle, an der heute gern einmal der Tanga hinter der Jeans hervorlugt, wirft sich, als sei es ein Tattoo, ein Spruch in die Brust: "Noch betörender als materieller Reichtum ist der Reichtum an Aufmerksamkeit (Georg Franck)", steht zu lesen. Wechselweise dazu, in ähnlicher Inszenierung: "Die Aufmerksamkeit des Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen (Georg Franck)". Doppelseitig prangt dergestalt das Foto samt Szenerie samt Spruch samt Urheberangabe im Zentralorgan des deutschsprachigen Gossip. Nun hat Georg Franck vor fünf Jahren seine "Ökonomie der Aufmerksamkeit" veröffentlicht, eine höchst interessante, lesenswerte, Schneisen durch den Wildwuchs der Narzissmen schlagende Studie, die sich ihrerseits eine gewisse Aufmerksamkeit wohl verdient hat. Doch dass "Bunte"-Leser und solche, die es werden sollen, bei dem in Klammern gesetzten Autornamen sofort Francks Essay vor Augen haben und die schlechterdings aus dem Zusammenhang gerissenen Sätze verstehen, darf man wohl bezweifeln. Was also soll der Spaß? Hat sich ein Intellektueller in die PR-Agentur verirrt? Hat gar Hubert Burda, der Verleger und promovierte Kunsthistoriker, selbst zur Gedankenspritze gegriffen? Die Süddeutsche Zeitung jedenfalls witzelte angesichts der zum Slogan verkommenen Sentenzen gleich etwas von "Meta-Theorie". Was daran weniger lustig daherkommt, ist die Tatsache, dass Franck nicht gefragt wurde. Als sei sie eine wissenschaftliche Abhandlung, tut die Kampagne so, als könnte sie einfach zitieren. Franck, der gerade an einer nachfolgenden Studie mit dem Titel "Mentaler Kapitalismus" arbeitet, bedarf für die Position seiner Beobachtung einer diffizilen Distanz und für den Ort seiner Darstellung einer genauen, an der Phänomenologie geschulten Sprache. Nun sieht es so aus, als flösse fröhlich der Reibach und der Professor ließe sich einkaufen von einer überspannten Reklame-Schranze. Franck hat in der Zwischenzeit eine einstweilige Verfügung erwirkt. Sein Name darf nicht mehr erwähnt werden. Soviel zur Frage der Prominenz in Deutschland.

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