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Unwirtlichkeit

Im Jahr 1967, zu absehbar turbulenten Zeiten, trug sich das Ehepaar Alexander und Margarete Mitscherlich mit dem Plan, nach Frankfurt zu ziehen. Bis dato hatte man in Heidelberg gelebt, des Pendlerdaseins überdrüssig suchte man nun in der Hauptstadt der Kritischen Theorie eine Wohngelegenheit. Das war gar nicht so einfach. Zunächst war an ein Haus am Rand des Stadtwaldes gedacht, doch die Einfamilien-Herrlichkeit musste einem Psychoanalytiker-Paar, deren Mentor Sigmund Freud von jeher die Verwandtschaft des Heimeligen mit dem Unheimlichen beschworen hatte, schnell verdächtig vorkommen. Es dauerte ein Jahr mit der Entscheidungsfindung, 1968 bezog man schließlich eine ganz andere Form von Wohnung, sie war erhoben und womöglich sogar erhaben, denn sie bestand aus einem Penthouse. Im obersten, dem 19. Stock eines Hochhauses in Frankfurt-Höchst sollte das Paar bis zum Jahr 1979 logieren, in Splendid Isolation über nicht weniger als 170 Ein- bis Vier-Zimmer-Appartments, mit denen man nichts zu tun haben brauchte, denn es gab einen Lift, der ohne Halt von der Tiefgarage bis in den Olymp durchfuhr. Sollte man es auf Realitätsnähe angelegt haben, so war der Wirklichkeitsbezug, von dem in dieser Zeit, angeleitet nicht zuletzt von den Mitscherlichs, alle raunten, eher außen vor geblieben. Ein wenig an performativem Widerspruch, um nicht zu sagen Heuchelei, war durchaus zu spüren in dieser Unterkunft. Das Mitscherlichhaus, Foto: projekte.abg-fh.com Das Gebäude gibt es noch heute, es wurde im Jahr 2007 generalsaniert und heißt heute nach seinen prominentesten Bewohnern. Das Mitscherlichhaus hat unter www.my-way-of-living.de (zum Zeitpunkt dieses Textes im Warungsmodus) seine Website, ihr kann man entnehmen, dass es unter „Niedrigenergie“ firmiert, eine „Wellnessoase“ beherbergt und mit „multifunktionaler Sicherheitstechnik“ ausgestattet ist. Einiges von dem, was die Mitscherlichs den Deutschen einst in Rechnung gestellt hatten, feiert Urstände in dieser Zitadelle, die in ihrer computeroptimierten Ausbalanciertheit auch ohne Bewohner auskäme. Der deutsche Ökofaschismus, der sich perfekte Biotope züchtet, hat hier ein weiteres seiner vielen Wahrzeichen gepflanzt. Dass man dafür auch noch mit dem Namen Mitscherlich Werbung macht, hat der 1982 verstorbene Seelenarzt immerhin nicht mehr erlebt. Es war Alexander Mitscherlich, der in einem aufsehenerregenden Buch vor eben dem Zustand gewarnt hatte, auf den er sich dann bald, in einer Art von Supervision, einlassen würde. Dieses Buch lebt nicht zuletzt vom knalligen Titel, den Mitscherlich ganz kalkuliert um eine altertümliche Formulierung rankte: „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ bringt das notwendig Vergangenheitslose der Nachkriegsurbanistik auf einen Begriff, der von Romantik, Geborgenheit, Heimatlichkeit ausgeht. Mitscherlich wusste, was seiner Generation in den Knochen steckte, in der Seelenlosigkeit dessen, was in Deutschlands Städten mit dem Wiederaufbau zur Kenntlichkeit kam, war seinerseits eine Unfähigkeit zu trauern greifbar. „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“, das Buch, das Programm und Prophylaxe vereint, ist jetzt fünfzig Jahre alt geworden. Dass Mitscherlich dabei ein Pamphlet im Auge hatte, das ihm gestattete, Remeduren möglichst lapidar und dafür die Polemik um so wortreicher zu gestalten, erleichterte ihm seine Aufgabe. Ob ein städtisches Milieu, wie es heute der Prenzlauer Berg darstellt, Mitscherlichs Zustimmung gefunden hätte, darf sein Bändchen gnädig im Unklaren lassen. Sein explizitestes Wort gegen die Ordnungsbetrebungen, wie sie der Community-Geist hervortreibt, liest sich im Jargon des Pathologisierens, den Mitscherlich aus der Unzeit der totalitären Jahrzehnte unverdrossen mitschleppt, so: „Wohn-Fetischismus, übertriebene Haushaltspflege schafft Ungemütlichkeit, ist eine zu unser alle Unglück in eine Tugend umgedeutete Krankheit: die Krankheit nämlich, mit menschlichen Kontakten nicht ins klare zu kommen und statt dessen reine Böden zu schaffen“. Folgerungen bis in unsere Gegenwart sind womöglich unvermeidlich. Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte, Frankfurt 1965; Neuausgabe 2008

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