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Warten auf die Barbaren

Worauf warten wir, versammelt auf dem Marktplatz?    Auf die Barbaren, die heute kommen. Warum solche Untätigkeit im Senat? Warum sitzen die Senatoren da, ohne Gesetze zu machen?    Weil die Barbaren heute kommen.    Welche Gesetze sollten die Senatoren jetzt machen?    Wenn die Barbaren kommen, werden diese Gesetze machen. Warum ist unser Kaiser so früh aufgestanden? Warum sitzt er mit der Krone am größten Tor der Stadt Hoch auf seinem Thron?    Weil die Barbaren heute kommen    Und der Kaiser wartet, um ihren Führer    zu empfangen. Er will ihm sogar eine Urkunde    Überreichen, worauf viele Titel    Und Namen geschrieben sind. Warum tragen unsere zwei Konsuln und die Prätoren Heute ihre roten, bestickten Togen? Warum tragen sie Armbänder mit so vielen Amethysten Und Ringe mit funkelnden Smaragden? Warum tragen sie heute die wertvollen Amtsstäbe, Fein gemeißelt, mit Silber und Gold?    Weil die Barbaren heute erscheinen,    Und solche Dinge blenden die Barbaren. Warum kommen die besten Redner nicht, um wie üblich Ihre Reden zu halten?    Weil die Barbaren heute erscheinen,    Und vor solcher Beredtheit langweilen sie sich. Warum jetzt plötzlich diese Unruhe und Verwirrung? (Wie ernst diese Gesichter geworden sind.) Warum leeren Sich die Straßen und Plätze so schnell, und Warum gehen alle so nachdenklich nach Hause?    Weil die Nacht gekommen ist und die Barbaren doch nicht    Erschienen sind. Einige Leute sind von der Grenze gekommen    Und haben berichtet, es gebe sie nicht mehr, die Barbaren. Und nun, was sollen wir ohne Barbaren tun? Diese Menschen waren immerhin eine Lösung. Diese Zeilen stammen von Konstantinos Kavafis, einem Dichter griechischer Sprache, der in Alexandria lebte und dort 1933 auch starb. Sie entstanden 1904, übersetzt hat sie Robert Elsie. Aufmerksam gemacht auf Kavakis hat gerade Karl-Markus Gauß in seinem neuen, wieder einmal sehr schönen Buch mit dem Titel „Der Alltag der Welt“.

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