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Der Freiberufler

Der Mann häuft keine Ämter. Er ist Freiberufler. Zwanzig Jahre war er zwar Kurator am Kunsthaus Zürich, doch ohne, wie er betont "Mitglied im Staff zu sein und ohne Pensionsberechtigung". Als es damit im Jahr 2001 vorbei war, musste er nicht mit ersterbender Stimme die Schlechtigkeit der Welt anrufen, sondern konstatierte einen ebenso schlichten wie freiwilligen Rückzug: "Es gibt Grenzen, die man selber spüren muß. Ich wollte nicht mitgeschleppt werden." Der Mann hat auch einmal ein Haus geleitet. Das ist lange her, und als er sich von der Kunsthalle Bern verabschiedete, lag gerade eine der wegweisendsten Ausstellungen, die das Jahrhundert gesehen hat, hinter ihm. "When Attitudes Become Form" hatte sie geheissen, und dabei wurde die Anglizismen-Mode in der Titelgebung gleich miterfunden. Doch das war nicht der Punkt. "Ich hatte 60.000 Franken für mein Jahresprogramm in Bern und musste deshalb so erfinderisch sein, dass alles von anderen Häusern übernommen wurde und damit Kosten geteilt werden konnten". Der Punkt war der Etat. Statt zu fordern oder abzusagen konnte man auch phantasievoll sein. Der Mann redet übrigens gerne übers Geld. Dass er mit der documenta 5 gerade 3.000 Mark verdient habe, hat er mir vor einigen Jahren erzählt. Als wir uns jetzt anlässlich seiner Schau in der Sammlung Essl wieder trafen, ging es um seinen Reiseetat. 170.000 Franken hätte ihn das Herumfahren letztes Jahr gekostet. Davon seien 80.000 von dritter Seite bezahlt worden. Für den Rest muss er selbst aufkommen. Er ist Freiberufler. Doch oh Wunder, es geht. Der Mann ist eitel. Doch wenn er die Öffentlichkeit wieder einmal spüren lässt, dass es ihn gibt, dann geht es weniger ums Jammern als um ein souveränes "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". Eine Frau Minister braucht er selten dazu. "Ich wollte weiterhin ein abenteuerliches Leben führen", so lässt er seinen Entschluss Revue passieren, Freiberufler zu sein: "Sonst hätte ich auch Museumsdirektor werden können. Man hat mir ja genug angeboten." Der Mann lebt davon, Schneisen zu schlagen, als Kurator und als Denker. "Man will etwas von mir, und ich kann dann ja oder nein sagen. Ich spreche mit den Künstlern, und die sagen ja oder nein. Es ist alles ganz einfach geregelt." So lautet sein Credo. Der Mann hat ein Credo. In diesen Tagen wird Harald Szeemann siebzig. Wenn es ihn nicht gäbe, könnte man wirklich glauben, der österreichische Museumsdirektor sei das Maß aller Dinge.

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