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Hans Belting zum 80.

Was ist etwas eigentlich, wenn es Kunst ist? Klarerweise hat sich die Moderne diese Frage kaum gestellt. Was man mit Elan und Emphase hervorstieß, was man mit Unbedingtheit und Neuartigkeit auflud, kreiste bei aller rauschhaften Verschiedenheit um ein einziges Prädikat, und dies ließ man tunlichst unproblematisiert. Kunst war der unbewegte Beweger dessen, was man ästhetisch wollte. Langsam sieht es so aus, als würde diese “Kunst” ein Auslaufmodell. Die Internet-Designer und die documenta-Diskutanten gehen längst in aller Nonchalance über sie hinweg, und womöglich erschöpft sich ihre Überzeugungskraft darin, die Ewiggestrigen ruhigzustellen. Kunst ist dann noch etwas für Ministerialbeamte und andere Zensoren. Hans Belting, der letzte Woche 80 Jahre alt wurde, gibt dieser Verwerfung den Seismographen im akademischen Fach. Er gibt ihn sicher nicht aus Übermut, auch wenn der Wechsel von der universitären Kunstgeschichte an die Trendfabrik der Karlsruher Hochschule für Gestaltung die Umwertung forciert haben mochte. In Karlsruhe waren Medien der Normalfall. Kunst dagegen ist ein Medium der Besonderung. Noch von der Universität München aus, wo ich die Chance hatte, bei ihm zu studieren, publizierte Belting im Jahr 1990 eine Art Summe seiner Forschungen vor allem zur Ikone und ihrer Wahrnehmung im westlichen Mittelalter. “Bild und Kult” heißt das Opus Magnum, und es bestach gleich einmal durch den perfekt als Slogan geeigneten Untertitel: “Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst”. Jede Historisierung ist eine Relativierung, und Belting hatte genau dies im Sinn: Kunst und ihre Signaturen von Autonomie und Selbstbezug haben einen geschichtlichen Ort. Also gab es auch etwas, das vorher war: Am Anfang war das Bild. Dass hinter der angenommenen Ursprünglichkeit das Metaphysische lauert und der konstruierte Rahmen sich schnell zur Rahmenkonstruktion verfestigt, ist natürlich die Gefahr bei solchen Expeditionen zu den ersten Dingen. Belting suchte das Problem zu bannen, indem er ein Jahrzehnt darauf nicht weniger als die Menschheit anvisierte: Im Bild, so wird die Zusammenschau gewagt, komme das allgemeine Humane zur Kenntlichkeit. “Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft” war das 2001 erschienene Bulletin zum Status Quo seit Unvordenklichkeiten betitelt. Fast 10.000 Jahre alte Tonfiguren wurden darin mit Gegenwartsfotografie zusammengedacht, und von Jericho bis Jeff Wall gilt die Komplizenschaft zweier Prinzipien, die so fundamental sind, dass sie Geschichte übergreifen: "Ich verstehe", berichtet Belting darin, "Medien als Trägermedien oder Gastmedien, deren die Bilder bedürfen, um sichtbar zu werden." Lois Renner, Hans Belting, 2007 Den Bildern medial zur Sichtbarkeit verhelfen: Wenige Gelehrte schlagen den Bogen vom Piktoralen zum Literalen so weit wie Belting. Als vor einigen Jahren Wolfgang Frühwald, der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgesellschaft DFG, davon sprach, dass die deutsche Akademikerriege in genau zwei Disziplinen Weltgeltung beanspruchen dürfe: in der Archäologie und in der Kunstwissenschaft, die jetzt eine Bildwissenschaft sei, war offenkundig, wen speziell er damit meinte. Wir wünschen Hans Belting noch viele produktive Jahre.

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