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Kompostieren mit Ariel

Die perfekte Gewährsfrau für die Gedanken und Thesen, die Roger Fayet, Leiter des Zürcher Design-Museums Bellerive, in seinem soeben in Wien erschienenen Buch vertritt, wäre Klementine. Wir erinnern uns an sie, die Waschmittel-Frau, mit ihrer schlagenden Parole: "Sauber ist gut, oberflächlich betrachtet; mit Ariel wäre es rein". Wenn es um Unterhosen geht, ist es zwar völlig egal, ob sie sauber oder rein sind, aber nicht wenn es um Werbung geht. In wunderbarer Untergriffigkeit entwertete die PR-Agentur ein Wort, das die Abwesenheit von Dreck bezeichnet, durch eines, das mit den vielfältigsten Assoziationen verkettet ist. Die Botschaft der Reklame, so sagte einst Roland Barthes, besteht darin Konnotationen so zu behandeln, als wären sie Denotate: "Die diskontinuierliche Welt der Symbole taucht in die Geschichte der denotierten Szene ein wie in ein Unschuld spendendes, reinigendes Bad." Der Obersemiotiker selbst, das zeigt dieses Zitat, verfällt der einschlägigen Terminologie, und Reinheit ist in der Tat eine Meta-Formel. Vom naivsten Putzfimmel bis zur urbansten Blasiertheit legimitimiert sie Haltungen, Attitüden und, das zeigt Fayet, nicht zuletzt Morde: Der Homogenitätswahn der Totalitaristen, gipfelnd in der Shoah, lebte von der wörtlich genommenen Metapher. Buchstäblich werden Metaphern dann, das zeigt wiederum Nelson Goodman, wenn sie veralten. Descartes ist der früheste der Stichwortgeber Fayets und in Folge spürt sein Buch der Reinheit bis in die Gegenwart hinterher. Mit einem entscheidenden Bruch. In der Moderne entfaltete Reinheit ihren vollen Glanz, in der Malerei der Abstraktion etwa oder der Architektur des Funktionalismus. Wenn dann in jenen Jahrzehnten, die Fayet ganz ungeniert Postmoderne nennt, aus dem Reinheits- ein Kompostierungsgebot wird, wenn Bilder nicht mehr als weiße Leinwände, sondern, wie bei Arman, als Glasbehälter mit Papierschnipseln daherkommen, dann ist seinerseits etwas wörtlich genommen worden. Und damit hat es Alter angesetzt. Klementine ist in diesem Sinn eine Schwellenfigur. Sie fährt nochmals alles an Bedeutungszauber auf, in dem das Wörtchen "rein" prangt. Doch zugleich wird es banalisiert, kanalisiert zur schieren Fleckenlosigkeit. Das große Fanal des Purismus, es verhallt ungehört. Fayet lässt es nochmals wörtlich werden. Roger Fayet, Reinigungen. Vom Abfall der Moderne zum Kompost der Nachmoderne, Passagen Verlag, Wien 2003, ISBN 3-85165-604-0

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