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Venedig 3

Paul Cézanne, geboren 1839. Paul Gauguin, 1848. Vincent van Gogh, 1853. Georges Seurat, 1859. Ein Pool an Ismen: Pontillismus beim Jüngsten. Japonismus, Expressionismus, Authentizismus beim nächsten. Cloisonnismus, Synthetismus, Eskapismus sodann. Schließlich bei Cézanne: Der Wandel vom Peintre Maudit, vom Wüstling mit schlechten Manieren und schlechten Bildern, zum geduldigen Réalisateur, zum Arbeiter im Weinberg des Projekts, zum Serialisten, Konzeptualisten, Tachisten. Ohne Zweifel alle vier: Gründerväter der Moderne. In üblicher Hochmögendheit nennt Werner Hofmann sie die „Patres des 20. Jahrhunderts“, als spräche dessen Orthodoxie ausgerechnet Latein. In seiner Grundsatzerklärung „Grundlagen der moderne Kunst“ nennt Hofmann sie so, 1966 erstmals erschienen, ein Baedeker für diejenigen, die am deutschsprachigen Nachholbedarf laborierten. Hofmann konnte davon ausgehen, dass er Neuland betrat, und so kommt in seinem Buch nach der Überschrift mit den „Vätern“ gleich der Satz: „An erster Stelle soll Georges Seurat behandelt werden.“ Kein Verweis, keine Quellenangabe, so als sei ihm die Idee mit den fabulösen Vier am Anfang selbst gekommen. Ist sie aber nicht. Im November 1929 stieg das soeben eröffnete Museum of Modern Art mit dem Quartett in eine eigene Ausstellungspolitik ein. Alfred Barr, der Gründungsdirektor, blickte mit ihnen zurück auf den alten Kontinent, den man bald beerben würde. Noch war es nicht soweit, und als er seine wohl berühmteste Ausstellung, die 1936er „Cubism and Abstract Art“, lancierte, entwarf er das Schema, das seither die Runde macht als Beleg für die Komplexitäten und Reduktionen von Komplexität in der klassischen Moderne. Gleichsam als Kopfzeile von Barrs Diagramm stehen die notorischen vier Namen. Von ihnen gehen Pfeile aus, in buntem Durcheinander verknoten sich Begriffe, die all die Ismen bezeichnen, das Bündel markiert die Mitte der Darstellung, bis sich alles auf wundersame Weise wieder entwirrt. Am Ende, nach unten zu, zur Gegenwart der 30er hin, stehen kompakt zwei Alternativen einander gegenüber: „Geometrical Abstract Art“ und „Non-Geometrical Abstract Art“, als hätte die Geschichte auf nichts anderes gewartet. Dass die Bedeutendsten des Jahrhunderts, Picasso, Matisse, Brancusi, keineswegs abstrakt arbeiteten, bleibt wunderbar ausgespart in diesem Schaubild der Homogenisierung und Hegemonisierung. Bei dieser perfekten Fügung konnte Barr gleich noch so tun, als sei ihm die Idee mit den fabulösen Vier am Anfang selbst gekommen. Ist sie aber nicht. Alfred Barr © moma Im Jahr 1920 wurde Vittorio Pica Generalsekretär der Biennale von Venedig. Er war nicht nur für die obligatorische Generalausstellung zuständig, sondern versuchte auch die nationalen Auftritte zu koordinieren. So gelang es ihm, bei den Franzosen Seurat und Cézanne, bei den Niederländern van Gogh unterzubringen. 1926 sollte dann Gauguin eine Retrospektive bekommen. Auf Pica, nachzulesen in Robert Flecks schönem Band zur Geschichte der Biennale, geht die Viererbande der Gründerväter zurück. Vielleicht ist Pica diese Idee auch tatsächlich selbst gekommen.

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