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Die gleissende Welt

So was nennt man wohl Gendering: Eine ganz reale Schriftstellerin namens Siri Hustvedt, weiblich, ersinnt den Herausgeber, I.V. Hess, männlich, einer Anthologie, die so tut, als präsentiere sie Material zu einer Kunstbetriebsfigur, Harriet Burden, weiblich, die drei Künstlern, allesamt männlich, jeweils eine Galerieausstellung gestaltet, die die drei als ihre eigene verkaufen, und die aus Arrangements besteht, die allesamt von Louise Bourgeois, weiblich, stammen könnten. Siri Hustvedts soeben auf deutsch erschienener Roman „Die gleissende Welt“, im amerikanischen Original „The Blazing World“ 2014, schlägt literarisch Kapriolen mit dem Konstruktivismus des Geschlechts. Müßig anzumerken, dass die in ihre Sensationsgeilheiten verstrickte Szene den Fake nicht dechiffriert. Als die Strippenzieherin ihre Inszenierung offenlegen will, ist es zu spät, keiner glaubt ihr, denn ausgerechnet jetzt muss es Authentizität sein, die man spüren will, und die hätte in einem souveränen Spiel aus dem seligen Geist der Appropriation tatsächlich keinen Platz. Die groß gedachte Strategie der Aneignung maskuliner Machtfaktoren verpufft, denn Harriet, die Heldin, meint es selber authentisch, sie will aufbegehren, sich rächen, rebellieren, doch sie verfängt sich in den Strategien von Subversion und Ironie, deren Herkunft aus der männlichen Hemisphäre längst enttarnt ist. Irgendwann versteht keiner mehr etwas, und so bleibt nur noch der Ausweg in die Pathologie. Das Sterben ihrer Protagonistin lässt sich die Autorin am Schluss geradezu auf der Zunge zergehen, und dieses, gleichsam menschliche, Ende ist für das ganze, unaufhörlich auf die Misslungenheit zusteuernde Konstrukt nichts als eine Entlastung. Um die Volte zu schlagen, die das Buch als die ekelhafteste überhaupt ins Spiel bringt: Siri Hustvedt ist die Frau von Paul Auster. Frauen werden, so die Prämisse, immer noch über ihre Männer definiert, auch wenn die Schriftstellerin den Schriftsteller in der Zwischenzeit in den Schatten stellt. Harriet Burden ist die Frau eines erfolgreichen Galeristen, und nach dessen Tod will sie, dass man der Welt das ansieht. So wird das Genre New Yorker Künstlerroman ausgefaltet und sich reichlich aus dem reichlich dazu Publizierten geborgt: Von, zum Beispiel, John Updikes 2002er „Seek My Face“ die Bildungbemühungen, von Samantha Peales 2009er „The American Painter Emma Dial“ der weibliche Aufbruch, von Michael Cunninghams 2010er „By Nightfall“ der schwule Nebenschauplatz von etablierter Kunstbetriebsfigur und jungem Lover. Das Ganze hineingebettet und hineingerettet in eine Szene, bei der Ornament und Verbrechen längst synonym sind. Das Buch gibt sich als Collage, die Anthologie versammelt kurze Beiträge von den allesamt fiktiven Teilnehmern des Geschehens, die sich natürlich, wir sind ja im Theater der Theorie, mit den notorischen Wortspendern aufladen. Unkommentiert und ohne Vornamen steht dann Guattari, Baudrillard oder auch Tiravanija im Text. Die Prätention, die das Buch seinem Schauplatz in Rechnung stellt, besitzt es jedenfalls zur Genüge selber. Ob das Absicht ist, bleibt im Vagen. In den gleichsam authentischen Jahren der Appropriation, um 1980, hat der Stuttgarter Künstler, Impresario, Galerist Achim Kubinski drei Gestalten für sich auftreten lassen, deren Oeuvre von ihm allein stammte: Angelika Wiesenthal machte Zeichnungen, Christian Brügge Malerei und Stefan Ravena Skupturen. 1982 ließ er seine Trilogie auffliegen, die Zeiten hatte sich geändert. Nicht zu erwarten, dass eine New Yorker Jet-Set-Schreiberin davon weiß, doch zeigt sich, dass ihre Originalität genau aus der Einschlägigkeit besteht, die die Kunstproduktion im Moment so repetitiv, so buchstäblich wiederholt macht. Eine längst bestehende, abgehangene, durchgekaute Vorführung wird wieder bemüht, indem man sie mit Körperlichkeit auflädt, mit weiblicher, schwuler, schwarzer Identität. Jetzt auch in der Literatur. Siri Hustvedt, Die gleissende Welt, Aus dem Englischen von Uli Aumüller, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2015

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