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DDR-Kunst: Einst und heute

„Wilhelm Rudolph malte mal eine Hyäne, das war schon Mitte der sechziger Jahre; Ulbricht kam in die Kunstausstellung und sagte: 'Was ist denn das, was soll denn so was?' Da gab es einen Riesenaufstand. Die sahen die Hyäne, die sahen sich als Hyäne. Als ich später den Rudolph fragte, warum er das gemalt habe, sagte der: 'Es war so ein tolles Tier, wie es so dastand, so würdig.' Der war einfach fasziniert von dem Vieh und malte es in entsprechender Größe, aber das wurde sofort politisch verstanden.“ Vor genau 25 Jahren war das im Kursbuch zu lesen, dessen Heft 99 dem „Kunst-Betrieb“ gewidmet war. „Eine kleine Kunstgeschichte der DDR“ wurde in einem Beitrag versucht, einem Gespräch mit Reinhard Stangl, der in Dresden Kunst studiert hatte und 1980 nach West-Berlin rübergemacht hatte, wie man das damals nannte. Von Stangl stammt das obige schöne Beispiel für die selbstverständliche Subversivität von Bildern in Zeiten autoritärer Verhältnisse. Stangl hat auch noch eine andere Geschichte in petto, von dem Kollegen Peter Graf, der eine „leere Ölsardinenbüchse“ porträtierte: „Eine leere Büchse war eben eine leere Büchse. Da war nichts drin. Und das verstanden die als Provokation.“ Irgendwann allerdings zog sich die Rebellion in sich zurück. „Die Blumenmalerei kam wieder, der Blick aus dem Fenster, ewige Blicke aus dem Fenster … Das ärgerte niemand mehr, damit war keiner auf die Straße zu bringen.“ Die Obrigkeit, rekapituliert Stangl, war „ganz froh, daß die DDR-Malerei plötzlich ins Private auswich.“ Das Vierteljahrhundert Ex-DDR ist auch der Anlass für eine geradezu pikante Schau, die momentan in Reutlingen zu sehen ist, nachdem sie in Cottbus ersonnen wurde. Ost-West-Verhältnisse sind ein wenig aus der Mode geraten, doch die schlichte Idee der Veranstaltung hat es in sich. Die Idee besteht darin zu fragen, was aus den Bildwelten bestimmter Maler nach der Wende geworden ist, wie sie heute zu Werke gehen und wie das aussah, als noch der real existierende Sozialismus sein Wesen trieb. Ein Reutlinger Sammler namens Siegfried Seiz hatte in den späteren Achtzigern bei ihnen gekauft. Benachbart sind nun Arbeiten, die die Künstler, es sind ausschließlich Männer, aus ihrer aktuellen Produktion zur Verfügung stellten. Tankstelle, 1998, Sammlung GbR Gädeke, Berlin, Courtesy Galerie Michael Schultz, Berlin © Bildrecht, Wien 2015 Bekannte und Unbekannte sind zu finden: ein Weltmeister ist darunter, Neo Rauch; Etablierte, die heute als Alte Garde Honeckers firmieren wie Bernhard Heisig, Willi Sitte oder Hartwig Ebersbach; und viele herzlich in Verschollenheit Geratene, die trotzig weitermachen wie früher – oder es wenigstens für die Präsentation so darstellen. Geht es nach diesen Exponaten, ist tatsächlich Rauch das Chamäleon, der von einer tastenden Abstraktion herkam und sich die Änderung ins Figürliche, Geheimnistuerische, So-muss-Kunst-aussehen-Mäßige reichlich vom Markt entgelten ließ. Beharrlichkeit wiederum hat sich, der Eindruck drängt sich auf, eher nicht ausgezahlt. Oder, umgekehrt, man machte auf Beharrlichkeit, nachdem man seine Chance verpasst sah. Was wie Authentizität daherkommt, mag Taktik sein, und wenn sie verfehlt war, folgt sie doch der Vorstellung eines Wegs, den man gehen muss als unerschrockener Künstler. Der bleibendste Aspekt ist aber doch derjenige, den Reinhard Stangl betont hat: die Wendung weg von der politischen Bedeutung. Mag sein, dass man sich allzu bereitwillig auf einen Mechanismus des Provokativen verließ, der sich unter den Umständen von selbst einzustellen schien. Mag sein, dass man mit dem Ausloten von Idyll zwischen Datsche, FKK und Einrichten im Alltag ohnedies genug zu tun hatte. Mag sein, dass der Stasi-Verdacht allen im Genick saß. Die Bilder jedenfalls sind zu einem Großteil – die beispielhafte Ausnahme ist Johannes Heisig – läppisch. Die Ausstellung ist auch deshalb hochinteressant. Städtisches Museum Spendhaus Reutlingen Kunstverein Reutlingen

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