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Früher Tod

Heute machen sie mit geschätzten achtzehn Lebensjahren ihren akademischen Abschluss. Sie werden früher eingeschult, dann erwirken ihre ehrgeizigen Eltern eine Verkürzung der Gymnasialzeit, ein Jahr bekommen sie erlassen, weil sie hochbegabt sind, und eines, weil ein Ohrenspitzer der Bildungspolitik irgendetwas Italienisches mit Pisa und Bologna herausgehört hat. Ihren Bachelor erhalten sie wegen guter Führung sechs Monate früher. Weil die potentiellen Arbeitgeber und sie selbst sich einig sind, dass das alles ein wenig rasant war, haben sie sich ihr Sabbatical wohl verdient, lesen sie sich durch Gesamtwerke, gehen auf Au Pair und freiwillig in soziale Einrichtungen. Dann beginnen sie so etwas wie ein ernst zu nehmendes Studium. Und auch dann sind sie, was ihr Wissen und noch mehr ihre Bildung betrifft, früh genug dran. Wie gut, dass bei der Kunst alles ein wenig langsamer geht. Auch wenn, sagen wir, Georg Büchner mit 24 Jahren schon tot war, Egon Schiele mit seinen 28, die er erreichte, längst in ein breiiges Spätwerk eingetaucht war und in der Pop-Musik keiner älter wird als 27. In der Kunsthalle Baden-Baden jedenfalls gibt es im Moment eine Ausstellung, die Jungsein bei 50 enden lässt. Das entspricht perfekt der generellen Berufsjugendlichkeit der längst nicht mehr Alternden. Lebenszeit ist ein Konstruktivismus geworden wie das Geschlecht, und die Trans-Ager haben ihre Freude daran. Es ist eine Art Zukunft im Futur II, die den ewig nicht Jungen, aber eben Alterslosen beschieden sein wird, und genau so liest sich der Titel der Veranstaltung: „Nach dem frühen Tod“ nimmt sich also vor zu untersuchen, wie Künstlerpersonen da stehen, wenn sie nicht mehr gewesen sein werden. Was also dann aus van Gogh, der mit 37, Martin Kippenberger, der mit 44, aus Eva Hesse, die mit 34, aus Peter Roehr, der schon mit 24, aber auch aus Christoph Schlingensief, der mit 50 Jahren starb, geworden ist. Natürlich ist man schlau genug, derlei Todeszeitpunkte mit der schieren Kontingenz des Daseins in Verbindung zu bringen. Immer wieder lässt man aber dann doch Erklärungen durchblicken, die gleichsam von außen beim Sterben ein wenig nachgeholfen zu haben scheinen: Verschwörungstheorien wie bei Mark Lombardi, der in seinen Diagrammen Verflechtungen des industriell-militärischen Komplexes offenlegt, gleich Kriegseinwirkungen wie bei August Macke, romantische Sehnsüchte nach der Selbst-Auflösung wie bei Bas Jan Ader oder wenigstens Suchtverhalten wie bei den meisten anderen. Was ihre Stellung im Heute angeht, so war es schon van Gogh, der, wie sagt man, Frühestgestorbene in der Versammlung, der die Wahrheit kund tut: Bilder von Toten sind teurer als solche von Lebenden. Frühe Tode sind sehr kunstmarkttauglich. Entsprechend gibt es einige Courtesies in der Ausstellung, die auf die Galerie Hauser & Wirth verweisen. Eva Hesse, Kein Titel, 1969, Mulltuch, Abdeckband, 40 x 13,5 x 14,5 cm, Foto: Abby Robinson, New York, © The Estate of Eva Hesse, Courtesy Hauser & Wirth Beim Tod gibt es nichts zu erklären. Fragt sich, was die Ausstellung eigentlich will. Wahrscheinlich will sie doch, wie immer, wenn das Thema aufs Tapet kommt, Elias Canetti recht geben. Canetti und seinem wunderbaren Diktum vom „Friedhofsgefühl“, jener Emotion stillen Triumphierens derer, die gehen, gegenüber denen, die liegen: „Da ist einer“, so erklärt Canetti es in seinem Hauptwerk „Masse und Macht“, „32 Jahre alt geworden und ein anderer drüben 45 Jahre. Der Besucher ist schon jetzt älter, und jene sind sozusagen aus dem Rennen.“ In der Kurstadt Baden-Baden ist das Durchschnittsalter noch höher als anderswo. www.kunsthalle-baden-baden.de

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