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Falsche Versöhnung

Des Öfteren ist an dieser Stelle der Tatsache das Wort geredet worden, dass die Essenz der Kunst in der aktiven Übernahme besteht. Dass Genie, mit Umberto Eco, zu zehn Prozent Inspiration und zu neunzig Prozent Transpiration ist. Dass das Plagiat, mit Jean Giraudoux, an der Basis aller ästhetischen Bemühungen steht, außer der allerersten, welche im übrigen unbekannt ist. Dass also Anleihen Nehmen, unter den Nagel Reißen, Appropriieren, brauchen Können, mitgehen Lassen diejenige Praxis ist, die die Kunst mit dem Imperialismus, dessen Zeitgenossin sie jedenfalls ist, bevorzugt teilt. Nun also Tracey Emin im Wiener Leopold Museum. Immer schon hat sie offenbar Egon Schiele geliebt, und natürlich ist das jetzt der Ort, an dem man eine solche Hingabe nach außen trägt. Aber gleich so? Die Korrespondenzen borden über, die geöffneten Schenkel, die nackte Willigkeit der gesichtslosen Gestalten, die Perspektiven aus dem Schenkelbereich. Könnte Miss Emin, die ja längst beanspruchen darf, Dame Tracey genannt zu werden, nicht eklatant schlechter zeichnen als der wilde Wiener, dann käme es schier zu Verwechslungen. Tracey Emin vor Egon Schieles Gemälde »Sitzender Männerakt (Selbstdardstellung)« | 2014 Foto: Leopold Museum, Wien / A. Ludwig Natürlich ist das jetzt ein weiblicher Blick, der auf das Einschlägige geworfen wird, und was er festhält, ist, zumindest teilweise, mittels Textilarbeit fixiert. Die weißen männlichen Heteros sind längst überlagert durch, in dieser Reihenfolge, die Frauen, die Homosexuellen, die Farbigen, und ein Gutteil der Langeweile im Kunstbetrieb resultiert daraus, dass es als ausreichend erachtet wird, wenn es nur ein anderer Körper ist, der das macht, was andere gemacht haben. Wie kolportiert wird, hat die Künstlerin sich bei einem Dinner im Vorfeld der Schau auf jene Weise daneben benommen wie man es von gewissen, speziell deutschen und von ihrer Maskulinität bis ins Mark überzeugten Vertretern der Achtziger kannte. Womit jetzt auch die auffallenden, ausfallenden Betrunkenheiten das Geschlecht gewechselt hätten. Immer noch aber wird die banale Tatsache, dass sich jemand daneben benimmt, von der Sondergratifikation überlagert, es agiere da immerhin ein Künstler. Wie auch immer. Was Tracey Emins Schiele-Adaptionen problematisch macht, ist der Mangel an Problematisierung. Da wird Geschichte mir nichts dir nichts auf ein Weiter-So verpflichtet, über jenes Jahrhundert hinweg, das uns alle Selbstverständlichkeit eines aufeinander Aufbauens gründlich verleidet hat. Die Ausstellung macht auf Versöhnung, und die ist falsch. Diese Versöhnung ist erpresst. „Es ist niemals ein Denkmal der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein“, heißt es dazu erschöpfend bei Walter Benjamin. Das Leopold Museum mit seinem Programm einer nationalheroischen Verpflichtung wäre nun wirklich ein guter Ort, auf Widersprüche und verweigerte Kontinutitäten zu pochen. Lieber hat sich Tracey Emin mit ihrer Präsentation in eine eigene Nationalheroik eingereiht: Der Widerspenstigen Zähmung. www.leopoldmuseum.org

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