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Alpine Akte

Der April im Gebirge. Noch sind die Berge schneebedeckt, die aperen Stellen werden von Tag zu Tag größer. Endlich vermag es die Sonne, nicht nur die Landschaft in grelles Licht zu tauchen, sie beginnt wieder zu wärmen. Und an windgeschützten Orten ist es möglich, sich von dem einen oder anderen Stück Oberbekleidung zu trennen. „1932 / April“ liest man auf einem der für eine Mappe gelochten Kartons, die den Kontaktabzügen als Untergrund dienen. Und es ist wie heute. Die Berge sind schneebedeckt mit einigen aperen Stellen, die Sonne scheint bereits sehr zu wärmen, denn die Protagonistinnen der Aufnahmen haben sich von sämtlicher Bekleidung getrennt und posieren fröhlich, bisweilen tanzend. Es ist ein durchaus umfassendes Konvolut, an erotischer Fotografie, das hier mit rund 2000 verglasten Farbdias, etwa 250 S/W-Filmrollen und einigen wenigen Vintageprints zusammengekommen ist. Hinter der Kamera stand Alfons Walde, der eigentlich für seine pastos aufgetragenen Berglandschaften bekannt ist, für Alpinsportler, mit denen sich prächtig für die Region werben ließ, für einsame Gehöfte und Frauen beim Kirchgang. Walde, geboren 1891 bei Kitzbühel, hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu fotografieren begonnen, eine Leidenschaft, die ihn ein Leben lang begleiten wird. „SchauLust“, so der Titel einer von Peter Coeln herausgegebenen Publikation, legt den Focus auf erotische Fotografie des Malers von den zwanziger bis in die vierziger Jahre. Entstanden sind sie alle mit einer Leica und bald nach deren Aufkommen auf Agfacolor-Filmen. Als Modelle standen Waldes Ehegattin wie auch verschiedene Frauen aus der Nachbarschaft zur Verfügung, entsprechend deren Verhalten vor der Kamera. Während die erotisch Vertraute mit ihrem Gegenüber zu kokettieren scheint, wendet so manche gestandene Bäuerin ihren Blick etwas scheu zur Seite, bedient sich schamhafter Gesten, ohne verkrampft zu wirken. Nicht minder entspannt muten jene Akte im volkstümlichen Ambiente in den Räumen von Waldes Heim an. Wenngleich Walde sich entsprechende Fotografien aus Paris als Vorlage für seine erotischen Gemälde kommen ließ, haben viele seiner eigenen Aufnahmen Eingang in sein Werk gefunden. Neben einem Text von Peter Weiermair und einem Interview von Rebecca Reuter und Carl Kraus mit Michael Walde-Berger, dem Nachlassverwalter des Werkes seines Großvaters, stellt der sorgsam edierte Band auch Gemälde den fotografischen Vorlagen gegenüber und gibt damit erstmals direkten Einblick in die Arbeitsweise Waldes. Auch das verschneite Gehöft, Motiv zahlreicher Arbeiten findet sich auf jenen Kontaktstreifen, selbst das rote Tuch, sonst beliebter Farbtupfer als Lebenszeichen auf Fenster oder Balkon eines Bauernhauses, erscheint als Requisit der Fotoshootings. Diese durchaus freizügig vorgeführte erotische Existenz inmitten der Bergwelt hat etwas heiter Unbeschwertes. Obszön ist sie mitnichten. Der einzige, der rot wie das Tuch wurde, ist ein Hummer auf einer der wenigen Stilllebenaufnahmen. Die Schlussvignette des Buches bildet die 1:1 Reproduktion eines Dias, für das Walde, lediglich bekleidet mit einer roten Mütze in der verschneiten Landschaft die Hose heruntergelassen hat. Porträt des Künstlers als nackter Wedler. -- Peter Coeln (Hrsg.): SchauLust Die erotische Fotografie von Alfons Walde ISBN 978-3-7099-7170-3 192 Seiten, 210 x 280 mm mit über 130 Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag EUR 29,90 Haymon Verlag, Innsbruck/Wien

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