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Uecker

Nachdem das Erbe der Moderne auf die ungeheuerlichste Weise vom Dritten Reich diskreditiert worden war, versuchte sich Deutschland der Nachkriegszeit gerade im Künstlerischen in der Wiedergutmachung. Beflissen rezipiert man die Avantgarde und lernte die Weltsprache Abstraktion. Speziell die documenta avancierte zum Lehrstück in Sachen Nachholbedürfnis. Mit all ihren Unfreiwilligkeiten: Gleich am Beginn der ersten documenta 1955 stellte man eine Skulptur der klassischen Moderne auf – es war eine „Knieende“; und auf der dritten documenta 1964 hatte die aktuelle Malerei ein großes Forum – zum Teil hing sie am Plafond. Die Bereitschaft jedenfalls, sich klein zu machen und aufzublicken, hatte sich hartnäckig gehalten. Um so deutlicher mussten Kunstwerke ins Auge fallen, die eine ganz andere Betrachterhaltung erforderten. Werke, die sich veränderten, die zum Mitmachen aufforderten, die mit Licht und Schatten spielten, als wären es Rohstoffe, und die Materialien verwendeten, die jeder Heimwerker zuhause hatte. Als Günther Uecker Ende der fünfziger Jahre mit seinen Nagelbildern in die Öffentlichkeit trat, gewann die Gegenwartskunst ganz neuen Elan. Zwar hatten sie Leinwände als Fond, doch zusätzlich zur Farbe waren ihnen Nägel appliziert. Aus dem Bild war ein Objekt geworden, aus Malerei ein schillerndes Ding in der Interferenzzone der Künste. Ueckers Neuartigkeit bestand nicht zuletzt in der Absage an die genialische Geste des Einzelkönners. Was nunmehr aufs Tapet kam, war Struktur, Serialität, Wiederholung, waren die Zauberworte einer nach-expressiven, an Transparenz und Systematik orientierten Kunst des Prozesses. Sammelbecken der jungen Szene in dieser Umbruchszeit war die 1958 von Otto Piene und Heinz Mack in Düsseldorf ins Leben gerufene Gruppe ZERO. Drei Jahre später stieß Uecker dazu. Es war nicht nur für ihn ein Schritt in die Internationalität. Die „Nouveau Réalistes“ in Frankreich, die Kinetiker in Italien und ZERO in Deutschland arbeiteten gemeinsam an einer Öffnung künstlerischer Praxis in die Wirklichkeit hinein. Kunst sollte keine Grenzen mehr kennen, genauso wie die Wirklichkeit keine Grenzen mehr kennen sollte. Das Weltraumfieber hatte alle angesteckt. Die Auflösung der Bilder ins Immaterielle, in die Ungreifbarkeit reiner Optik oder die Gedanklichkeit utopischer Entwürfe ging einher mit der Begeisterung für eine Technik, die dies alles ermöglichen sollte. Eine solche Kunst liefert immer auch Modelle. Oder, wie Uecker 1962 schrieb: „Das Licht wird uns fliegen machen, und wir werden den Himmel von oben sehen.“ Die Auflösung der Bilder ins Immaterielle bedeutet eine spezielle Sensibilität für die Materialität der Dinge, und vielleicht liegt hierin die Hinwendung Ueckers zu allem Naturhaften und Prozessualen begründet, die sein Werk insgesamt auszeichnet. Zwar hat er sich mit seinen Nagelbildern nicht weniger als ein Markenzeichen erworben. Der Vielfalt seines Oeuvres tut dies indes keinen Abbruch, und speziell dieser Vielfalt ist die umfassende Werkschau Ueckers gewidmet, die die Düsseldorfer Staatssammlung Nordrhein-Westfalen, neudeutsch K20 genannt, dem Meister zu dessen 85. Geburtstag jetzt angedeihen lässt. Günther Uecker beim Aufbau der Ausstellung im K20 Foto: Andreas Endermann, 2015, © Kunstsammlung NRW Uecker, der 1955 den Osten mit dem Westen Deutschlands getauscht hatte, ist sicherlich einer der wichtigsten Künstler dieser speziellen Nachkriegszeit. Er ist ein Künstler, dessen gesamtdeutsche Identität erst mit der Wiedervereinigung wahrgenommen worden ist. Und schließlich ist er der Künstler, der vielleicht der erste in Deutschland war, der eine polyglotte Statur besaß. www.kunstsammlung.de

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1 Posting in diesem Forum
Uecker versus Spoerri. Anmerkungnen zum Thema Preis und Wert
Hubert Thurnhofer | 24.04.2015 11:08 | antworten
Je höher der Preis, desto höher der Wert eines Kunstwerkes, behaupten viele, ja sogar die meisten gewichtigen Player in der Kunstszene. „Die Kunstmarkt-Formel“ bringt Gründe, warum diese Kausallogik erkenntniskritisch und sprachphilosophisch nicht haltbar ist. Auf der Art Cologne 2015 fanden sich empirische Beispiele, welche die Unsinnigkeit dieses Dogmas dokumentieren. Insgesamt acht Galerien zeigten Werke von Guenther Uecker, nur eine Galerie (LEVY) zeigte Werke von Daniel Spoerri. Beide geboren 1930, beide echte Weltstars mit umfangreichem Œuvre und genialen Werken. Uecker kreiert aus Nägeln unglaublich dynamische Objekte, Spoerri verwendet so gut wie alles außer Nägel für seine genuinen Objekte. Wir vergleichen hier Vergleichbares! Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein Kunstexperte findet, der behaupten würde, Ueckers Werke seien mehr wert als Spoerris Werke, oder umgekehrt. Künstler und Werke stehen auf einem Level. Die Preislevel liegen allerdings bei 1:10 bis 1:20! Zuungunsten von Spoerri. Kleinere Objekte von Spoerri kosten 10.-14.000 Euro, von Uecker mindestens 140.000! Das teuerste Bild von Spoerri (Die herausgefallene Zeit, 105x120x40 cm) kostete 75.000, das teuerste Bild von Uecker (ein Wandbild ca 200x200 cm) wurde um 1,4 Millionen Euro angeboten. Ich sehe darin einen empirischen Beleg für die Kunstmarkt-Formel IV: Preis und Wert haben überhaupt nichts miteinander zu tun. Weitere Infos: http://www.kunstsammler.at/index.php/news/229-neuerscheinung-die-kunstmarkt-formel.html

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