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Schwache Stimmen

Der Mann ordnet sein Gesamtwerk. Zum 50. Jahrestag seines Erscheinens im Geschäft gibt er alles an Aufnahmen heraus, er bringt in beflissener Chronologie das Liedgut seiner frühen Jahre als „50th Anniversary Collection“, als „Bootleg Series“ firmieren Neueditionen alter Platten, vor zwei Jahren „Self Portrait“, letztes Jahr die „Basement Tapes“, und als wäre das nicht schon genug, macht Bob Dylan insgesamt Inventur in seinem Oberstübchen. Das Medium der Musik ist bekanntlich der menschliche Körper, was sich hier an Motorik und Memorialkultur angesammelt hat, ist seinerseits eine Art Archiv. Es verlischt entsprechend mit dem persönlichen Leben. Doch so dramatisch ist es nicht. Wie in Zeiten massenhafter Verfügbarkeit üblich, ist der inviduelle gleichzeitig der kollektive Bestand, und was gerade in der Musik buchstäblich zu Herzen geht, rumort in den Eingeweiden aller. Man nennt das dann „Songbook“. Ein solches hat Dylan sich jetzt vorgenommen, um ausgewählte Stücke daraus ein-, nach- und vorzuspielen. In seinem, 1941 geborenen, Fall stammt das Repertoire vom frühesten aller Vertreter einer Jugendbewegtheit, die gern hysterische Züge annimmt: Frank Sinatra. Dylan macht ihn jetzt auch zu seinem Helden, indem er zehn von dessen Gassenhauern, nun ja, nachsingt. „Shadows in the Night“ heißt die Kompilation, Dylan hat darin konsequent verfolgt, was ihm schon vor mehr als vierzig Jahren bei „Self Portrait“ um die Ohren flog, als er sich zum Comeback nach Motorradunfall und Bibelkundlertum diverse Lieder von anderen vornahm und sie mit seiner Stimme bedachte. Immer wieder hat er sich an so etwas versucht, „Mister Bojangles“ etwa gibt es ziemlich gleichzeitig in Versionen von ihm und von Sammy Davis Jr., der ja nun mit Sinatra und Dean Martin zu einem speziellen Pack gehörte. Sinatra also. Zitieren wir dazu - einmal mehr, das Buch ist wirklich großartig - aus Diedrich Diederichsens Opus Magnum „Über Pop-Musik“: „Die mikrofongestützten Demagogen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nutzten die von ihnen begehrten Mikrofone in einem entscheidenden Punkt nicht: Sie brüllten und schrien weiterhin. Systematisch anders als Hitler machte das erst...Frank Sinatra“. Die Pünktchen im Zitat stammen von Diederichsen selber, er lässt sich seine Pointe natürlich auf der Zunge zergehen. Eingeführt wird in Gestalt von Sinatra das Gegenstück zu allem Gezeter, der Crooner, „der sich anschleichende, anbiedernde Verführer“ mit dem sanften Aufschlag in Augen- und Lippenpartie. Der Crooner und Dylan haben eine gemeinsame Voraussetzung, bei Diederichsen wird sie auf die Überschrift „Schwache Stimmen“ gebracht. Es ist jene für Pop und die diversen massenkulturellen Phänomene zentrale Qualität, die aus ihrem Mangel besteht: Man muss, besagt sie, nicht singen können, um trotzdem als ein herausragender Vertreter des Metiers zu gelten. „Zwar war Sinatra kein Nichtsänger“, sagt Diederichsen kenner- und gönnerhaft, „er verfügte über einen auch konventionelle Stimmideale durchaus zufrieden stellenden Bariton, aber er machte Nichtsänger möglich“. Und der größte dieser Nichtsänger wurde Dylan (Ray Davies, John Lennon, Roger McGuinn standen ihm dabei kaum nach). Im Zuge seiner diversen Selbstexegesen vollzieht Dylan mit den Sinatra-Adaptionen also seine Inthronisierung als Sänger nach. Er macht es als Crooner, cool, sophisticated, als wäre es das selbstverständlichste. Gut ist die Platte natürlich nicht. Aber sie ist eine Kulturgeschichte mit den Methoden von heute: Ihre Rekonstruktion eines historischen Zusammenhangs arbeitet performativ. Und anders als Sinatra, der, gelinde gesagt, antidemokratische Vorlieben hatte, steht Dylan auch politisch für den Umschlag der schwachen Stimme in die starke Stimme. Voice und Vote wurden mit ihm Synonyme.

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