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Kokoschka und Prag

„Im Vergleich zu Wien, das eine Periode des Niedergangs und des Elends durchgemacht hatte und den Blick weiterhin traurig auf eine glanzvolle Vergangenheit richtete“, schreibt der Komponist Ernst Krenek in seiner Autobiografie „Im Atem der Zeit“ in Erinnerung an die 30er Jahre, „war Prag eine Metropole im Werden, es sprühte vor Vitalität und dehnte sich sprunghaft in alle Richtungen aus. Dieser Prozess hatte wie alle Pioniertaten primitive und barbarische Aspekte, aber er war auch belebend.“ Künstler mit Leib und Seele, der er war, ließ Oskar Kokoschka sich von dieser Vitalität anlocken. Im November 1934 landet er also in Prag. Eine Ausstellung in der Ostdeutschen Galerie in Regensburg lässt die Jahre an einer weiteren der vielen Stationen des Meisters jetzt Revue passieren. Die Schwester Berta, verheiratete Patocka, lebte seit mehr als 15 Jahren in Prag. Er hatte in Gestalt von Hugo Feigl vor Ort einen rührigen Galeristen: „Sehr dienstbeflissen und ein ganz anderer Typ als die Wiener Blutsauger“, findet sein Künstler im Brief deutlich lobende Worte. Er hatte seit den 20ern immer wieder hier ausgestellt, und 1931 war das Porträt des Freundes Albert Ehrenstein von der Modernen Galerie zu Prag angekauft worden. Eben dieser Ehrenstein markiert auch einen skurrilen Nebenschauplatz im Areal der Motive: Die beiden Kumpane hatten sich in den Kopf gesetzt, nach Shanghai zu gehen, auf dem Weg dorthin in Moskau Station zu machen, und sich dafür in Prag zur gemeinsamen Abfahrt zu treffen. Natürlich wurde nichts aus dem Plan, Kokoschka schützt finanzielle Schwierigkeiten vor, vertröstet und schiebt auf, aber immerhin sitzt er, gleichsam mit gepackten Koffern, am Ausgangspunkt. „Naturgemäß bin ich von dieser Anstrengung so geschwächt“, schreibt er am Heiligen Abend des Jahres an Ehrenstein, und meint seinen Umzug, „daß ich wieder Wochen und Wochen brauchen werde, bis ich Ihnen den genauen Termin meiner Reise in die russischen Wunder angeben kann.“ Die Wunder werden auf sich warten lassen, bis Oktober 1938 wird er auf der demokratischen Insel inmitten faschistischer Drangsal bleiben und sich nicht vom Fleck rühren. 25 Gemälde entstehen in diesem Zeitraum. Als ließe sich eine goldene Ära in seiner Vita wiederbeleben, besteht die Mehrzahl von ihnen, in insgesamt 16 Versionen, aus Stadtporträts. Das Schlüsselwerk der Jahre indes, und das Hauptstück der Regensburger Ausstellung, ist das aus Pittsburgh gekommene Bildnis des Tomaš Garrigue Masaryk, des Gründungs- und immer noch amtierenden Präsidenten der tschechoslowakischen Republik. Es malen zu können, war eine der hoffnungsvollsten Aussichten, als Kokoschka nach Prag ging, und im Juni und Juli 1935 kommt es tatsächlich zu den Porträtsitzungen. „M. ist mir ein alter Spezi gewesen“, schreibt er in diesen Tagen an Ehrenstein und muss gleich auch wieder jammern: „Ich habe dabei nur draufgezahlt, fünfzig Kronen täglich für Trinkgelder, und nicht einmal einen Orden vom böhmischen Löwen habe ich verdient.“ Alles in allem hat er doch etwas verdient, und das war in Zeiten sich mehr und mehr verschärfenden Drucks durch die totalitären Regime ringsum etwas durchaus Wertvolles: Masaryk verlieh ihm die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Oskar Kokoschka, Porträt Tomáš Garrigue Masaryk, 1935/1936,, Öl auf Leinwand, 97 x 131 cm, Carnegie Museum of Art, Pittsburgh, Patrons Art Fund © Fondation Oskar Kokoschka, Vevey / Bildrecht, Wien 2015, Foto: 2014 Carnegie Museum of Art, Pittsburg Ende September 1938 schlossen die vier großen europäischen Länder in München ein Abkommen, das resolut über ein fünftes, kleineres das Ende verfügte. Die Tschechoslowakei, die nicht geladen war, hatte demütig zu akzeptieren, was sich Deutschland zu nehmen gedachte. Die Emigration musste ein anderes Auskommen finden. So fliegt Kokoschka am 18. Oktober des Jahres zusammen mit Olda Palkovska in eine neue Freiheit, nach London. Im Frühjahr 1935 hatte er Olda kennengelernt. „Sie ist ein braves Kind“, stellt er sie ausgerechnet seiner früheren Geliebten Anna Kallin brieflich vor, „2m lang, 20 Jahre alt… Wenn sie irrt, unterrichte sie, sage ihr übers Leben, was man allgemein darüber nicht weiß, und nimm sie in den Orden der Frauen auf, die meine letzten Tage behüten sollten.“ Sehr prophetisch dieser Satz, denn Olda, die ab 1941 den Namen Kokoschka tragen wird, behütet in der Tat seine letzten Tage. Sie dauern mehr als vierzig Jahre. www.kunstforum.net

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