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National Gallery

In einer der Anfangssequenzen des dreistündigen Films sitzt Jill Preston, Head of Communications der National Gallery in London, beim Direktor Nicholas Penny und versucht ihm nahezulegen, dass man die Besucher mehr in den Mittelpunkt der Aktivitäten stellen müsste. Bei 5,2 Millionen von ihnen im Jahr könne es nicht nur um die Meisterwerke gehen, um die öffentliche Reputation und um die Repräsentativität des Hauses für die Nation. Was genau an Engagement fürs Publikum sie im Auge hat, bleibt Mrs Preston, die vorher für die PR-Arbeit von Kew Gardens zuständig war, schuldig. Der Direktor bleibt entsprechend skeptisch. Und der Film, der die Szene ganz unverblümt und hautnah festhält, bleibt es auch. „Interesting“ ist sicherlich das meistgebrauchte Wort im überbordenen Schwall an Gesprochenem, das Frederick Wisemans „National Gallery“ über die Bilder der weltweit bedeutendsten Pinakothek legt. Wiseman, der dieses Hahr 85 wird, hat wieder einmal eine Institution porträtiert. Sein Erstling „Titicut Follies“ war 1967 einer psychiatrischen Anstalt in Massachusetts gewidmet, hatte Missstände aufgezeigt, drohte verboten zu werden und stand so am Beginn einer globalen Karriere als Dokumentarfilmer, die dem Regisseur etwa auf der letzten Biennale den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk eintrug. Vor einiger Zeit verfolgte Wiseman das Ballett der Pariser Oper. Nun also Britanniens Nationalgalerie. Stets ist Wiseman nur für einige Wochen vor Ort, er hält fest, was sich ergibt. Unkommentiert, allein per O-Ton wird vorgeführt, was der Meister schließlich im Schneideraum einsam aus seinem Material montiert. Es ist eine Art Dogma-Ästhetik, authentisch, aber auch ein Korsett, und alles, was den Film attraktiv macht, ist Ergebnis des In Situ. Meistens hängt Wiseman nun irgendwelchem Vermittlungspersonal an den Lippen, deren ausgiebiges Gerede die Choreographie steuert. Von den Werken, vor denen das Haus nun wirklich strotzt, sieht man das, was gerade erwähnt wird, ein Detail, wenn es um ein Detail geht, das Ganze, wenn einmal, selten genug, von der Komposition die Rede ist. Wenigstens haben die Briten Esprit, und die Versuche der Guides, ihre Führungen interessant zu machen, finden meistens ihren Adressaten. Interessiert ist auch das Publikum. Es wird gezeigt, wie es zuhört, wie es Schlange steht, um in die gerade, zur Jahreswende 2011/12 laufende Leonardo-Ausstellung zu kommen, oder wie es per Vernissage Honneurs macht. Dass die 5,2 Millionen zu achtzig Prozent desinteressiert sind, sich ins iPhone verstricken, Selfies schießen und sich gegenseitig begaffen, kommt eher nicht vor. Wisemans Aufnahmen wirken wie Trailer, zu denen das Ganze einer Cinemaskopie fehlt. Oftmals enden die Sequenzen mit einem finalen „Thank you for your attention“. Dann weiß man, dass es weitergeht. Ein Kameraschuss in die diversen Kuppeln des Museums dient als Scharnier. Interessant sind die Ausführungen von Larry Keith, dem Chef-Restaurator, der in den Wochen des Drehs gerade mit Rembrandt beschäftigt war. Wisemans Mise-en-scène scheint sich in dessen Departement besonders wohl zu fühlen. Eifrig folgt sie dem Finger des Spezialisten, wie er über die Oberfläche fährt und zoomt ihm bisweilen unter die Nägel. Dogma eben. Die Namen der Beteiligten werden übrigens nicht genannt. Allein der Direktor kommt im Abspann vor, um ihm zu danken. Dessen Perspektive, so sieht es aus, ist auch diejenige des Regisseurs. Es gibt eine Passage, in der Penny fragt, was dem Haus denn eine Charity-Aktion bringe. Wenig, stellt er fest, die Public Relation solle sich doch auf anderes konzentrieren. In diesem Sinn ist Wisemans Film eine deutliche gelungenere PR-Arbeit. Für drei Stunden Kino ist das eigentlich zu wenig. Doch für die National Gallery mag es, in diesem einen Fall, angehen.

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