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Schlaflos - Das Bett in Geschichte und Gegenwartskunst: Wach bleiben!

Einige kuratorische Auftritte in der Geschichte des 21er Hauses waren fulminant! Allerdings haben sich deren theatralische Szenarien mitunter ziemlich in den Vordergrund gespielt und das Auszustellende überdeckt (sofern sie nicht selbst als das Werk galten). Die aktuelle Ausstellung „Schlaflos“ überrascht das von Spektakeln verwöhnte Publikum hingegen mit der sehr ambivalenten Präsentation einer schwer überschaubaren Ansammlung von Darstellungen des Bettes von der Antike bis zur zeitgenössischen Kunst. Mario Codognato, seit letztem Jahr Chefkurator des Hauses, drängt sich mit seiner Regie so gar nicht auf, er hält sich im Hintergrund und überlässt (vielleicht aktuell langläufigen Erwartungen entgegengesetzt und daher bereits vehement kritisiert – aber vielleicht auch ganz souverän) allein den künstlerischen Werken die Bühne. Das heißt, Codognato setzt die Besucher einem vielgestaltigen multimedialen Betten–Sammelsurium aus. Er bietet keine Gebrauchsanweisung, ja nicht einmal eine didaktische Führung. In eine solche Stringenz ließe sich die kontrastreiche Prägnanz der Werkauswahl in ihrer Fülle auch schwerlich pressen – und genau darin liegt die Stärke der Ausstellung. Es ist ein ausdauernder Exkurs quer durch Zeiten und quer durch verschiedenste Medien: Vorbei an der geschwätzigen Rhetorik von Anselm Kiefers aufeinander gestapelten Militärbetten (2011/12), vorbei an einem wunderbaren gotischen Tafelbild mit der Geburt Mariens (ca. 1490/95), vorbei an VALIE EXPORTs anklagendem „Geburtenbett“ (1980), führt der Parcours mitten in den Mix der künstlerischen Formulierungen. So hängt im Kapitel „Liebe“ die lustbetonte Bettszene eines pompejianischen Freskos (1.Jh.n.C.) neben schalen Posen in Oliviero Toscanis Fotografien (2015), die voyeuristische Perspektive des alternden Picasso (1969) neben den moralisierenden erotischen Darstellungen von Agostino Carracci (1590-95). Der genüssliche Witz von Sarah Lucas skulpturaler Intervention „Au Naturel“ (einer Matratze, gespickt mit zwei Melonen, einem Eimer und einer Gurke mit zwei Orangen, 1994) bleibt dem gegenüber isoliert. Oder es prallt im Kapitel „Tod“ der bis ins Unerträgliche geschraubte Pathos von Damian Hirst (2008) auf die atmosphärische Malerei von Caspar Franz Sambachs Bozzetto (1751/54) oder auf die zurückhaltende Kargheit in Walter Pichlers Zeichnung (1978). Hier bricht Jimmie Durhams Bett (2000) unter der Last des „Stone Asleep“ zusammen. Im großen Mittelraum verübt Urs Fischer einen erfolgreichen Anschlag auf das makellose biedere Bett mittels Betonbeschüttung (2011). Sein mit „Kratz“ betiteltes Werk hat wohl kaum etwas gemein mit der Unbekümmertheit der Achterbahn–mäßig verschlungenen Matratze von Los Carpinteros (2007), dem abgründigen Witz von Heinz Franks Liege aus einer Vielzahl von Klistierspritzen (1970) oder dem subtilen Humor von Franz Wests „Kausalität“ (1994) – außer dass es sich um Darstellungen von Betten handelt und diese in ihrer originären Ausdruckskraft außerordentlich sind. Im oberen Stockwerk begegnen dem Betrachter der nüchterne Desillusionismus von Rosemarie Trockels skulpturaler Reduktion (2012), die Rätselhaftigkeit in Bruno Gironcolis Liege (2008), die Sinnlichkeit eines Akts von Pierre Bonnard (1909) und in den Fotografien der Marilyn Monroe von Douglas Kirkland (1961) genauso wie die brutale Dramatik Artemisia Gentileschis, wenn sie das Bett zum blutigen Schlachtfeld der heiligen Judith erklärt (1614-20); dann wieder eine Unmenge von Fotografien, die vom Dokumentarischen bis zum Theatralischen reichen, ein minimalistischer Verweis von Yoko Ono (1962), ein belustigendes Video von Ed Ruscha (1971). Die kuratorische Perspektive scheint uferlos. Statt mit einem strengen kuratorischen Konzept ist man mit einem buntgemischten Arrangement konfrontiert, einer Schau, die man sich erarbeiten muss. Codognato übt sich in einer Art Verweigerungsstrategie. Es wird kein ideologischer Überbau, kein ideelles Gerüst verhandelt. Er liefert keine Kontextualisierung, keine Argumente (außer der Verwirklichung seiner lang gehegten Passion zur kunsthistorischen Entwicklung und Verwandlungskraft des Motives Bett). Der Betrachter wird durch kein erklärendes Netz aufgefangen. Er wird mit signifikanten Phänomenen konfrontiert. Das Fehlen des „rettenden“ roten Fadens ermöglicht ein freies und gerade deshalb forderndes Navigieren durch eine Enzyklopädie von kunsthistorischen Artikulationen rund am den Gegenstand Bett. Der Unterhaltungswert liegt allein bei den Werken und der aktiven Begegnung mit ihnen, potenziert in einem Schwingen zwischen den Epochen. Vielleicht hätte eine reduziertere und damit pointiertere Auswahl der Exponate die abverlangte Aufmerksamkeit erleichtert. Vor dem Publikum liegt ein weites und komplexes Feld. Den Ball der reflexiven Verantwortung hat Codognato dem Rezipienten zugespielt, als eine Herausforderung zu einem konzentrierten Flanieren – und genauso zu einer spielerischen Lust an der Begegnung. Und es kann äußerst genussvoll sein, wenn man in Anbetracht eines so reichhaltigen Angebotes auf sich gestellt sein darf.
Schlaflos - Das Bett in Geschichte und Gegenwartskunst
30.01 - 07.06.2015

Belvedere 21
1030 Wien, Schweizergarten/Arsenal-Straße 1
Tel: +43 1 795 57-0
Email: info@belvedere.at
http://www.belvedere21.at
Öffnungszeiten: Mi-So 10-18 h, Mi, Fr bis 21 h


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