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Biotop

Vor knapp drei Wochen erschien im artmagazine ein Nachruf auf Udo Jürgens. Obwohl dies nun wirklich nicht der Ort für exzessives Posten ist, gab es immerhin zwei Reaktionen darauf, und die lieferten eine Art Dementi. Sich mit einem Schlagersänger zu beschäftigen, so ging ihr Tenor, habe in einem auf Kunst abonnierten Organ nichts zu suchen. Mir ist klar, dass die Beschwerden sich weniger auf meinen Blog-Beitrag als auf die Entscheidung des Herausgebers bezogen, den Text zusätzlich in die Neuigkeiten-Rubrik zu stellen. Dadurch wurde der Abschied von Udo Jürgens eine Art von offizieller Stellungnahme. Die Position des artmagazine in Kunst und um Kunst und um Kunst herum geriet in Frage. Längst ist allen, die das artmagazine lesen, klar, dass der prekär Sachverhalt Kunst Markierungen braucht, die ihn in seinen Dimensionen festhalten. Er braucht, und nichts anderes ist der Kunstbetrieb, Institutionen, Orte, Organe, Organisationen, auf die man sich verlassen kann. Kunst ist nur ein Wort, denn die nominelle Bestimmung hat, und nichts anderes ist die Moderne, die materielle ersetzt. Um so beflissener ist darauf zu achten, dass dieses Wort behutsam, vernünftig und auf möglichst nachvollziehbare Weise eingesetzt wird. Der Umgang mit Kunst, der ein Umgang mit dem Wort ist, bedarf einer Ökonomie und einer Ökologie. Leider verweigern sich die Bilder, die Objekte, die Projekte und Konzepte, die sich um dieses Wort ranken, oft an einer solchen Haushaltung. Unter der Ägide des Kunstbegriffs haben sich vielerlei Nachlässigkeiten, Ungenauigkeiten, Oberflächlichkeiten, Fadenscheinigkeiten breit gemacht. Der Mangel an Präzision ist sozusagen endemisch, und man kann sich darauf verlassen, dass irgendwer ihn kuriert – womöglich ein Kurator – , indem er ihn in das Kompetenzfeld Kunst einreiht. Bad working ist dann immer schon good art. Das artmagazine gehört zu den Instanzen, die in das Kompetenzfeld Kunst einreihen. Es ist immer wieder frappierend zu lesen, mit welcher Intensität nachgedacht, vorgebracht und bedeutend gemacht wird, was offensichtlich gern einmal eher unbedeutend ist. Denn das ist das eigentliche Dilemma: Es geht weniger um Lob oder Verriss als um das bemühte Kaschieren dessen, dass hier etwas im Irgendwo liegt, das keine Wortspende in Gestalt des Kunstbegriffs verdient. Nicht gut oder schlecht ist der Leitgegensatz, sondern bemerkenswert oder belanglos. Der Kunstbegriff funktioniert seit 200 Jahren so gut, weil er tautologisch funktioniert. Man setzt Kunst voraus, und am Ende der Interpretationen findet man sie wieder. Im geschlossenen Zirkel rotiert die Kunst der Auslegung um eine Auslegung als Kunst. Es auch noch so zu nennen, ist dann eine Art Zusatzgratifikation. Wer anfängt mit der Meinungsbildung über Kunst hat sich seine Meinung längst gebildet. Die Ökologie des Kunstbegriffs ist gehegt und gepflegt. Sie ist ein Biotop. Was Udo Jürgens hervorgebracht hat, ist also nicht Kunst. Aber Lieder wie „Griechischer Wein“ sind auf eine Art sorgfältig, konzentriert und gut gemacht, an der sich vieles orientieren könnte, was mit der Chuzpe des Kanonischen, also Kunst Meinenden, daherkommt. Gerade weil die Lieder gut gemacht sind, müsssen sie sich an keinen Begriff halten. Am allerwenigsten an den Kunst-Begriff.

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