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Gegenspiel

Sie lässt sich von einem reichen Schnösel entjungfern. Als er sie fragt, warum gerade er, meint sie: „Ich wollte lieber auf den Falschen warten“. Dann, als es ihm kommt, gibt er „einen Ton von sich, als hätte er eine Wespe verschluckt“. Da ist sie noch daheim, an der Atlantikküste, die Nelkenrevoution hat sich gerade Lissabons bemächtigt. Dann geht sie unter die Deutschen, verfehlt vollkommen, sich deren Mentalität anzupassen, doch eines gelingt ihr: „Sie lächelte aus Liebeskräften“. Einige Einfälle aus Stephan Thomes neuem Roman „Gegenspiel“. Der ist mein Favorit unter den jüngeren Autoren deutscher Sprache, und auch diesmal, mit seinem Drittling, hält er das verabredete Niveau. Man weiß nicht, ob man seine Situationskomik am besten findet, das Treffende seiner Dialoge oder die Konstruiertheit der Geschichte. Sie handelt von Maria, der Portugiesin mit dem Hang zur Saudade, der ortsüblichen Melancholie, die nicht gelindert wird, als sie nach wilden Jahren mit einem Theatermacher in Berlin an einen Philosophen gerät, der Professor wird und sie mitnimmt in die Provinz. Dort vergeht ihr Hören und Sehen. Offenbar hat sich die Literatur gerade zu Tiraden gegen die Tristesse der deutschen Wohn-Gemeinschaften, finden sie nun per Altbauwohnung in Berlin oder in Eigenheimsiedlungen bei Bergkamen statt, verabredet. Thome singt ein spezielles Lied von der Abgründigkeit dieser Umstände. Sein Verfahren ist dasjenige des Realismus, und es ist sehr gut so: Das, was ist, wiedergeben, wie es ist, lautet dessen Programm. Die besten Romane von, wir stapeln hoch, Flaubert zu Fontane, haben bei aller Elaboriertheit in ihrer Sprache gespiegelt, was der Fall ist. Zur puren Unterhaltung dient das eher selten. Dafür kann es nützlich sein. Ganz zeitgemäß indes übersteigt Thome sein realistisches Repertoire und unterstellt sein Buch einem Kunstgriff, der ein wenig überspannt wirkt. „Gegenspiel“ ist ganz buchstäblich eines, es ist die ins kleinste Detail hinein minutiöse Wieder- und Widererzählung dessen, was im Vorgänger „Fliehkräfte“ behandelt worden war. Dort war der Point of View die Perspektive von Hartmut, dem Professor; jetzt ist es derjenige seiner Frau. Die Ehe und ihre Krise, die Tocher und ihre präpotente Besserwisserei, der Theatermensch, in dem Züge von Castorf und Schlingensief wunderbar zueinander rangiert sind, die Orte und Menschen kommen jeweils zweimal vor. Auch die Dialoge kommen bisweilen zweimal vor, und das dann Wort für Wort. Was sich ändert, sind die Verbindungen, die Konjunktionen, die die Sprache verwendet, und die Relationen, die die Gefühle tragen. Es ist ein filmisches Prinzip. Akira Kurosawa hat das Verfahren, die Beteiligten nacheinander zu Wort und zur Darstellung kommen zu lassen, bei „Rashomon“ eingeführt. Man mag auch an Woody Allen denken, an „Husbands and Wives“ etwa, doch derart kläubelnd und kleinkrämerisch hat der New Yorker Kosmoplit es natürlich nie betrieben. In der strengen Parität, in dieser Quotierung und betonten Gendergerechtigkeit, ist Thomes Roman schon ein wenig deutsch. Immer wieder wird im Roman aus Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ zitiert, das im Original „Le deuxième sexe“ heißt. Thomes erzählerische Linie zieht sich in ihrer Bemühtheit eher an einem dritten, einem höchstmögend neutralen Geschlecht entlang. Das hat etwas von Verwaltungsästhetik. Aesthetics of Administration: die wurde einst auch Lawrence Weiner nachgesagt. Weiners Kunst hat es keinen Abbruch getan. Ob es in der Literatur auch funktioniert, ist noch nicht ausgemacht. Stephan Thome, Gegenspiel, Berlin: Suhrkamp 2015

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