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Udo Jürgens 1934 – 2014

Im Trivialen steckt das Trivium. Das sind die drei Wege, die aus Logik, Rhetorik und Dialektik bestehen und zur antiken Weisheit führen. Entsprechend soll man das Triviale nicht gering schätzen, es markiert zumindest einen Anfang. Der deutsche Schlager ist bekanntlich ein Ausbund an Trivialität, doch in wessen Sozialisation würzte die Reimerei mit Herz auf Schmerz nicht das kulturelle Aroma. Schlager waren zu einer Zeit, da die U-Musik noch nicht zum einen in Mini- und Mikro-Sparten ausdifferenziert und zum anderen als Volkstümelei ins Brachiale generalisiert worden ist, das, was auf deutsch gesungen wurde. Wer ein Radio hatte, kam daran nicht vorbei. So gesehen bedürfte es nicht des Verweises auf Udo Jürgens, um dem Schlager seine identitätsstiftende Bedeutung zuzugestehen. Und doch war es stets sein Name, der genannt wurde, wenn es um die Rehabilitierung des Genres ging. Schlager sind Erinnerungsorte, sowieso. Die Lieder, die Jürgens schrieb und von den durchaus besten Autoren des Faches betexten ließ, stecken dabei das besondere Terrain ab, sie sind Spurensicherungen im Gefühlshaushalt, auf die zu berufen man sich jedenfalls weniger schämen musste als bei allen anderen. Die stellvertretende Benennung und anschließend Erfüllung von Tag- oder dann auch Nachtträumen, wie sie dieser Art von Gesang das Alleinstellungsmerkmal verleihen, hat Udo Jürgens nicht ausgelassen. Und in seinem einschlägigsten Beispiel, dem herausragenden Stück deutscher Schlager schlechthin, hat er den Mechanismus zur Kenntlichkeit gebracht, indem er ihn schlicht umdrehte. „Griechischer Wein“ erzählt in wunderbar vom Sirtaki angehauchter Melodie von Sehnsucht und Ferne und Erfüllungsstunde im südlichen Gelände, doch sie lässt diejenigen zu Wort kommen, die damit Authentizität verbinden. Nicht der Tourist, der in die Fremde schmachtet, damit er ein wenig die Sau rauslässt, hängt an der Flasche, sondern der Gastarbeiter, der Mann der Ägäis, wie er angelockt worden war vom 1960 in Kraft getretenen Anwerbeabkommen. 1974 hatte Jürgens das Stück herausgebracht, seit dem Jahr davor galt ein Anwerbe-Stopp in der Bundesrepublik, im Jahr darauf sollte es anlässlich einer Reduzierung des Kindergelds für im Ausland lebende Nachkommen zu einem vermehrten Zuzug der nächsten Generation kommen. Wirklichkeiten bringen sich ohnedies zur Geltung. Warum nicht darum Eingängiges ranken? Die Lyrics zur Music stammten von Michael Kunze, der auch für die Reime von unter anderem „Ein ehrenwertes Haus“ und „Ich war noch niemals in New York“ sorgte. Mit einem Text von Eckart Hachfeld brachte es der Sänger sogar in die „akzente“, Deutschlands bemerkenswerteste Literaturzeitschrift seit mehr als 60 Jahren. Hachfeld hat bei „Aber bitte mit Sahne“ mitgeschrieben, zum Abdruck aber kam „Lieb Vaterland“, das vielleicht renitenteste aller von Jürgens' Liedern. In Anspielung auf den chauvinistischen Gassenhauer „Die Wacht am Rhein“ hieß es darin unter anderem: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein,/die Großen zäunen ihren Wolhstand ein,/die Armen warten mit leerer Hand,/lieb Vaterland!“ Das war 1971, und es war, in post-sozialrevolutionären Tagen, so etwas wie Zeitgeist. Udo Jürgens war, und das hebt seinen Schlager deutlich aus dem Mainstream der Sentimentalitätsposen heraus, immer auch Zeitgeist. So wurde man nicht zuletzt dank ihm Zeuge der diversen Gegenwarten und Gegenwärtigkeiten. Damit entsteht Gedächtniskultur. „Mitten im Leben“ hieß seine letzte Platte. Aus eben diesem wurde Udo Jürgens am Sonntag gerissen. Udo Jürgens in concert, Foto: Hans Zonderland

Ihre Meinung

2 Postings in diesem Forum
warum
keineAhnung | 23.12.2014 11:32 | antworten
erscheint dieser Nachruf in einem Medium, das sich doch (nahezu) ausschließlich mit bildender Kunst beschäftigt? Der Boulevard ist sowieso voll von Nachrufen, und das hat dort auch seine Berechtigung, aber man kann bei aller Achtung für den populären Erfolg dem Herrn jetzt auch nicht eine besonders wertvolle künstlerische Haltung nachsagen...
ich frage auch
krähe | 23.12.2014 11:25 | antworten
ich verstehe auch nicht, warum man uns nicht wenigstens hier in ruhe lassen kann.

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