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Tumult

In Helmut Böttigers schönem Buch über die Gruppe 47 findet sich eine Passage über die speziellen Feuilleton-Erfolge, die Hans Magnus Enzensberger im Gegensatz zu seinen Kollegen vom Großschriftstellertum nie verlassen haben. Was ist sein Geheimnis? 1976 erteilt Enzensberger diese Erklärung: „Ich halte das ja aus taktischen Gründen für viel besser, wenn man Reaktionen herausfordert statt selbst zu reagieren. Das heißt also: die Verteidigung, die Defensive ist immer schlecht.“ 23 Jahre später, 1999, gibt er diesbezüglich folgendes zu Protokoll: „Erstens mal ist es natürlich so, die strategische Regel ist: nie reagieren.... Es ist immer günstiger, wenn die anderen auf einen reagieren, als wenn man auf die anderen reagiert.“ Enzensbergers offenbar ganz treffliche Maßnahmen, aktiv statt passiv zu Werke zu gehen, sind die gleichen geblieben. Allerdings hat sich der Terminus geändert: In jüngeren Jahren nennt er sein Verfahren „taktisch“, später nennt er es „strategisch“. „Ich war wieder einmal nicht dabei“: So klingt das Leitmotiv der Erinnerungen, in denen sich Enzensberger in seiner jüngsten Publikation am „Tumult“ jener Jahre abarbeitet, in denen er wurde, was er ist. Es geht um die Sechziger. Enzensberger war auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbands Gast bei Chruschtschow, gründete das „Kursbuch“, war über seinen Bruder Ulrich ständiger Begleiter der Berliner Kommune Eins, hatte Umgang mit Fidel Castro, Salvador Allende und dem Prinzen Sihanouk und einen Eintrag in Uwe Johnsons „Jahrestage“; ansonsten war er auch einschlägig rege in der Dekade der Selbstermächtigung. Ein Register gibt stattlich Auskunft über die Namen, die Enzensberger, heute 85jährig, Revue passieren lässt. „Tumult“ ist das Codewort einer Art Memoiren, die der Meister aller Klassen in Angriff nahm, als er einen „Fund“ machte und „zwischen Weinregal und Werkzeugkasten“ auf „einige Pappschachteln“ stieß, die „vergessene Briefe, Notizbücher, Photos, Zeitungsausschnitte, liegengelassene Manuskripte“ bewahrten. Schnell ist daraus ein Buch gebastelt, anführend das Tagebuch einer Reise durch die UdSSR samt Kennenlernen der seinerzeitigen Gattin und vor allem beinhaltend Fetzen aus den Jahren 1967 – 70, aus denen der Autor ein Gespräch mit sich selbst machte. Nichts Menschliches war ihm fremd, so geht daraus hervor, und das Bekenntnis zum Ohne-Mich, das immer wieder bemüht wird, ist nichts anderes als Koketterie. „Als 'Strategie'“, schreibt Michel de Certeau in seiner berühmt gewordenen Unterscheidung, „bezeichne ich eine Berechnung von Kräfteverhältnissen, die in dem Augenblick möglich wird, wo ein mit Macht und Willenskraft ausgestattetes Subjekt (ein Unternehmer, eine Stadt, eine wissenschaftliche Institution) von einer 'Umgebung' abgelöst werden kann. Sie setzt einen Ort voraus, der als etwas Eigenes umschrieben werden kann“. – „Als 'Taktik' bezeichne ich demgegenüber ein Kalkül, das nicht mit etwas Eigenem rechnen kann und somit auch nicht mit einer Grenze, die das Andere als eine sichtbare Totalität abtrennt. Die Taktik hat nur den Ort des Anderen“ (De Certeau, Kunst des Handelns, Berlin 1988, S. 23). Längst ist Enzenberger eines der Aushängeschilder der alten Bundesrepublik. Sein Schwenk vom Taktischen zum Strategischen in der Beschreibung seiner eigenen Maßnahmen hat bewusst oder nicht den Prozess seiner Prominenz beschrieben. Hegemonial, wie er für manche deutschsprachigen Diskurse geworden war, kann er sich eine Strategie leisten. Taktik als Kalkül aus der Schwäche ist weit zurückliegende Vergangenheit. Entsprechend sieht nun das Durcheinander aus, das er für die entscheidende Phase seiner Karriere beschwört. Es ist ein strategischer Tumult: Wer kann derlei schon für sich behaupten? Hans Magnus Enzensberger, Tumult, Frankfurt: Suhrkamp 2014

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