Werbung
,

Schlemmer

1923 ist das Schlüsseljahr des Staatlichen Bauhauses. Statt Modellen für ein bessere Welt gibt es nun Prototypen für die maschinelle Herstellung, und es entsteht jener einschlägige Stil, der die Bauhaus-Produkte über den Planeten verteilt. Als beispielhaft erweist sich ein öffentlicher Auftritt von Oskar Schlemmer, seit 1921 einer der Lehrer, verantwortlich für Wandmalerei und die Bildhauerwerkstatt. Dieser Auftritt stand im neuen Milieu der Gesellschaftsgängigkeit plötzlich als Fauxpas da. Im Werbeblatt für die erste Ausstellung des Hauses hatte sich Schlemmer mit den folgenden, ganz dem Geist des Expressionismus entwachsenen Worten vernehmen lassen: „Das Staatliche Bauhaus, gegründet nach der Katastrophe des Krieges, im Chaos der Revolution und zur Zeit der Hochblüte einer gefühlgeladenen explosiven Kunst, wird zunächst zum Sammelpunkt derer, die zukunftsgläubig-himmelstürmend die Kathedrale des Sozialismus bauen wollen.“ Die gesinnungstreue Metapher von der „Kathedrale des Sozialismus“, die Bezug nahm auf einen Holzschnitt Lyonel Feiningers, der das Gründungsmanifest von 1919 geziert hatte, war nicht mehr nach dem Gusto der neuen Konzeption. Als Schlagseite musste erscheinen, was einst Arbeitsgrundlage war: in der revolutionären Gestaltung von Gegenständen die revolutionäre Gestaltung der Gesellschaft mit zu meinen. Schlemmers Kunst steht seinerseits für die gewisse Glättung und Rationalisierung, in die das Bauhaus eingetreten war. Seine Figuren jedenfalls sind durchaus souverän gedacht, agieren raumgreifend und bildfüllend; andererseits machen sie den Eindruck des Ferngesteuerten, als bewegten sie sich in einem Raster aus Orthogonalen, der ihnen allein erlaubt, sich entweder frontal oder im strengen Profil zu zeigen. Auch hier regiert die Dialektik der Aufklärung, und die Autonomie wird gekontert von der Automatisierung. Seit 1920 hat Schlemmer am „triadischen Ballett“ gearbeitet, einem genuinen Gesamtkunstwerk aus dem Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit mit mechanisierten Bewegungen und strenger Verwiesenheit auf die Objektivität der Statik. Ein Ballett par excellence: jeder Schritt ist geometrisiert. Im Jahr 1943 ist Schlemmer gestorben, ein anderer Sozialismus hatte sich seiner Gegenwart bemächtigt, der nationale. Sein Tod geschah aus gebrochenem Herzen, da konnte auch der Vorschein einer zweiten Avantgarde, die er für den Wuppertaler Lackfabrikanten Herberts mit neuem Material und neuer Informalität angstrengte, nichts mehr bessern. Schlemmer hat nunmehr das ominöse 70. Todesjahr überschritten, die Erben, die sich in herzigsten Streitereien ergangen waren, haben nichts mehr zu sagen, und die Staatsgalerie seiner Heimatstadt Stuttgart, in der er 1888 zur Welt gekommen war, folgt nun unmittelbar mit einer Ausstellung. Man merkt der Retrospektive an, dass sie zum einen lang vorbereitet und zum anderen als sofortige Reaktion auf die neue kuratorische Freiheit konzipiert ist. Folkwang-Museum um 1930 aus: Raum mit Georg Minnes Brunnen und Gemälden von Oskar Schlemmer. Foto: © Folkwang Museum 2010, Albert Renger-Patzsch Die große Wiederentdeckung der Schau markieren die „Folkwang-Tafeln“, drei Zyklen mit Studien sich bewegender, ein wenig linkisch Sport treibender junger Leute, Großformate, die allesamt auf ihre Art missglückt, aber als perfektes Art Deco dem Geist des Gesamtkunstwerks ihrer Zeit entsprechen. Ende der 20er sollte Schlemmer die zentrale Rotunde des Essener Folkwang-Museums mit einer Reihe von Wandmalereien versehen, die den sogenannten „Jünglings-Brunnen“ von Georges Minne umkreisten. Der belgische Bildhauer war ein Paradevertreter des Sezessionsstils, seine Anlage von fünf knieenden Knaben in radialer Anordnung lebt ganz aus den Reformideen des Fin de Siècle. Schlemmer sorgte für eine Art Aktualisierung und umgab Minnes Art Nouveau mit der Coolness einer neuen Maschinenästhetik. Das Mechanisch-Balletthafte ist geblieben, das Roboterartige von Personen, die dem Künstler allesamt bekannt waren und dabei doch eine Somnambulität an den Tag legen, die weniger träumerisch als telepathisch wirkt. Ein Stakkato aus Einzelgängern: das Menschenbild des Oskar Schlemmer. www.staatsgalerie.de

Ihre Meinung

Noch kein Posting in diesem Forum

Das artmagazine bietet allen LeserInnen die Möglichkeit, ihre Meinung zu Artikeln, Ausstellungen und Themen abzugeben. Das artmagazine übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der abgegebenen Meinungen, behält sich aber vor, Beiträge die gegen geltendes Recht verstoßen oder grob unsachlich oder moralisch bedenklich sind, nach eigenem Ermessen zu löschen.

© 2000 - 2022 artmagazine Kunst-Informationsgesellschaft m.b.H.

Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Bezahlte Anzeige
Gefördert durch: