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Lina Bo Bardi

Frauen in die Kulturgeschichte einzuschreiben, ist so etwas wie das letzte Abenteuer, das dem Westen in seiner Verspätetheit und Überalterung noch geblieben ist. Meistens findet man die Heldinnen der Übersehenheit in Sphären an den Rändern, in Ländern der ehedem dritten Welt, in Umgebungen der Dissidenz, in Domänen der Männer. Lina Bo Bardi ist eine Galionsfigur einer solchen Praxis der Umwertung. Sie hat als Architektin in São Paulo gearbeitet und damit in einer urbanen Verheerung, die von vornherein auf die bessere Alternative wartete. Lina Bo Bardi hat speziell mit dem MASP, dem Kunstmuseum der Stadt, getan, was sie konnte, es ist ein Wunderwerk der 60er, ein Treibhaus für die Bilder, ein gläsernes UFO, das auf zwei Bügeln schwebt, eine letzte Reklamation modernistischer Utopie, zu der auch die damalige Präsentation der Bestände auf transparenten, zwanglos im Raum verteilten Glasscheiben wunderbar passte.


MASP – Museu de Arte de São Paulo, São Paulo, 1957-1968 © Foto: Nelson Kon, 2002

Im Dezember würde Lina Bo Bardi hundert Jahre alt. Das Architekturmuseum der TU München, das in der Pinakothek der Moderne beheimatet ist, widmet ihr nun eine Jubiläumsschau, begleitet von einem opulenten Katalog, der bei Hatje Cantz erschienen ist. Alles ist ausgelegt auf Schwelgerei, die Bereitschaft zur Begeisterung ist offenkundig, und wie es aussieht, ist auch das Publikum eingestimmt. „Lina Bo Bardi sollte man nacheifern“, winkt die Süddeutsche Zeitung in ihrer Rezension der Geburtstagsausstellung mit dem kategorischen Imperativ: „Jetzt und zwar weltweit.“ 1947 war Achillina Bo, geboren 1914 in Rom, nach Brasilien gekommen. Gerade hatte sie Pietro Maria Bardi geheiratet, und das Zukunftsland, dem etwa ein Emigrant wie Stefan Zweig die kühnsten Hoffnungen entgegenbrachte, sollte auch sie verheißungsvoll aufnehmen. Auf ihre Weise waren die Bardis ebenfalls Emigranten. Der Gatte hatte sich im Faschismus einen, nun ja, Namen gemacht, mit Texten, unter denen ein besonders aparter etwa so klingt: „Die Jugend wendet sich an Mussolini, das Schicksal der Architektur in die Hand zu nehmen, um die es heute schlecht bestellt ist … Was Mussolini antworten wird, wird gut sein. Denn Mussolini hat immer recht.“ Pietro Maria Bardi, ausgewiesen in allen Dingen abendländischer Kultur, wird noch im Jahr ihrer Ankunft Gründungsdirektor des MASP. Der Pressezar Assis Chateaubriand ist die treibende Kraft des Unternehmens, das Museum bezieht, bis Lina Bo Bardi den Neubau errichtet, Räume in dessen Hauptquartier, und insgesamt betreibt man nach Kräften die konzertierte Aktion. Die Biennale von São Paulo gibt es dann ab 1951, initiiert von Francisco Matarazzo Sobrinho, der auch das Museum der Moderne von São Paulo auf die Beine stellt und damit den Konkurrenten für einen herrlichen Schlagabtausch, wie er gern einmal am Beginn von nationalen Modernen steht, abgibt. Senhora Lina hatte eine Zeitschrift gegründet, „Habitat“ betitelt, wo sie keine Gelegenheit ausließ, ihr Mütchen an den Rivalen zu kühlen. Europäische Besucher wie Max Bill oder Walter Gropius werden gleich mit engagiert im Kampf um den Narzissmus der kleinen Differenz. Dass sie Oscar Niemeyer, der Brasilia planen wird, von allen Seiten ins publizistische Feuer nimmt, versteht sich von selbst. Assis Chateaubriand wird der journalistische Einpeitscher der Diktatur, die dann ab 1964 ihr Unwesen treibt. Sagen wir es so: Im Gegensatz zu vielen seiner Bekannten aus der Kulturszene wird das Ehepaar Bardi Brasilien nicht verlassen; vielmehr kann man endlich verwirklichen, was vorher lange auf Eis gelegen hatte: das MASP. Pietro Maria Bardi wird es bis ins biblische Alter von 96 Jahren leiten. Lina Bo Bardi stirbt mit 78 im frühesten ihrer architektonischen Vorzeigestücke, der Casa de Vidro, dem Haus aus Glas von 1951. Architektur ist die Kunst des Kompromisses, und womöglich blüht der Opportunismus hier noch bunter, wir wissen es von Le Corbusier bis Rem Koolhaas, als anderswo. Lina Bo Bardi war Architektin, und wahrscheinlich unvermeidlich hatte sie ihre ureigenen Abgründe. Die werden jetzt geflissentlich verschwiegen: Nichts von ihren Verstrickungen im Katalog der Münchner Ausstellung; und die Süddeutsche Zeitung tut gleich so, als müsste man in ihr ein Vorbild stilisieren. Schließlich geht es um die Zauberworte der momentanen Karriereplanung, um Marginalität, Subalternität, Inklusion. Lina Bo Bardi jedenfalls taugt eher nicht als Vorbild. Zumindest nicht als moralisches. Sie war ein gute Planerin. Und sie war, da gibt es nichts zu beschönigen, Zeitgenossin einer heillosen Welt. Emanzipation, auch das wissen wir seit dem 20. Jahrhundert, ist ohne Instrumentalisierung nicht zu haben.


Lina Bo Bardi, 1960 © Arquivo ILBPMB Katalog Lina Bo Bardi. Brasiliens alternativer Weg in die Moderne, Hg. Andres Lepik und Vera Simone Bader, Ostfildern: Hatje Cantz 2014 www.pinakothek.de

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