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Rumble in the Jungle

Im Lingala, der gebräuchlichsten der vielen Sprachen im Kongo, hört der Begriff für „minderwertig“ oder „von schlechter Qualität“ auf die Lautfolge „nguanzu“. Das kommt von Guangzhou, jenem Distrikt nördlich von Hongkong, dessen Made in China berüchtigt ist für die Überschwemmung der Welt mit Billigware. Die Straßenverkäufer, die in Plastikflaschen gepanschtes Benzin verkaufen, heißen wiederum „Khadafis“: Der libysche Revolutionsführer lebt mit seiner Politik des Ölreichtums fort im Pejorativ, der sich mit seinem Namen verbindet. Von 1971 bis zum Tod seines Erfinders Mobutu hieß der Kongo Zaire. Auch dieses Wort unterliegt einem Missverständnis. Auf einer portugiesischen Karte des 16. Jahrhunderts findet es sich als Eintragung zu jenem Strom, der das Land beherrscht; es ist eine auf falsche Weise latinisierte Version von „nzadi“, was nichts anderes heißt als Fluss selbst. Zaire ist kein Eigenname, keine Ortsbezeichnung, sondern ein genereller Begriff. Mobutu wurde des Fehlers bald gewahr, doch in seinem Eifer nach Authentizität – „authenticité“ war ein Schlüsselwort seiner Politik – ließ er die Umbenennung beibehalten. Kinshasa, das alte Léopoldville, hatte er schon zu seinem Amtsantritt 1966, gleichsam als Gründungsakt, neu bezeichnet, und auch die Namen seiner Untertanen mussten nun nach Ureinwohnerschaft klingen. Aus seinem eigenen urchristlichen Joseph-Désiré wurde Mobutu Sese Seko, statt Vornamen gab es nun eine Art Hinterhername, statt „prénom“ ein „postnom“. Die Ära Mobutu war so etwas wie die Belle Epoque des Kongo. Ihren Höhepunkt hatte sie im „Rumble in the Jungle“ gefunden, dem Weltmeisterschaftskampf im Schwergewichtsboxen zwischen Champion George Foreman und seinem Herausforderer Muhammad Ali. Mobutu hatte den Fight eingefädelt, er fand im damaligen Nationalstadion, heute sehr heruntergekommen und„stade Tata Raphael“ benannt, statt und ist in die kollektive Erinnerung nicht nur des Kongo als ein Stück Emanzipationsgeschichte eingegangen - einfach deshalb, weil es eine Erfolgsgeschichte ist. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die da vor genau vierzig Jahren über die Bühne eines Boxringes gegangen war. Sie griff hinein in die Welt, der Fight Foreman vs. Ali ist eines jener Daten, an denen man dabei war. Zur Not, eine kleine Erhebung meinerseits hat das ans Licht befördert, weiß man eher, wie man diese Nacht verbracht hat, als dass man sich erinnerte, wie der wenige Monate vorher stattgefundene Nachmittag ablief, da die Deutschen Fußball-Weltmeister geworden waren. Der eine hing buchstäblich in den Seilen, der andere drosch in dessen Richtung. Und dann kam es zur wundersamen Umkehrung. „Ali won the fight“: So klang es nach in Johnny Wakelins „In Zaire“, das den Tanzkurs überschattete, den ich kurz darauf pickelig und mit permanent zerbissenen Lippen in Angriff nahm. Wakelins damaliger Manager übrigens wird der Leserschaft, so sie in Österreich sitzt, ein Begriff sein: Paul Hollingdale, Mastermind von Blue Danube Radio, der heute wieder in Wien lebt und über Internet sein www.vienna-radio.at betreibt. Hollingdale und Wakelin gehören wie die beiden Schwergewichte, die seinerzeit aufeinander prallten, zu dem Erinnerungsort, der vor vierzig Jahren abgezirkelt wurde. Mehr oder weniger alle ab einem gewissen Alter befinden sich in seiner Gravitationszone. Der „Rumble in the Jungle“ ist Mobutus Leistung. Seine einzige.

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