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Gilbert Bretterbauer - Kunst und Anwendung: Das Zittern der Geometrie

Das Schaffen von Gilbert Bretterbauer gilt seit jeher als grenzgängerisch, die Ausstellung in Harald Bichlers Rauminhalt zeigt ein exemplarisches Produkt des begrifflich nicht kategorisierbaren Künstlers. Die Bezeichnung als Avantgardist des Materials Textil wäre noch zu einschränkend. Bretterbauers textile Arbeiten bestehen wie seine Malerei, seine Möbel oder sein literarisches und performatives Schaffen in eigenständiger Selbstbehauptung, entfalten sich jedoch genuin zu umfassenden Rauminterventionen in der gegenseitigen Verknüpfung und Vernetzung, den grundlegenden Prinzipien in Bretterbauers Werk – Textur, Textil, Text, sie fallen ineinander in Bretterbauers Kontext. Bretterbauer interpretiert das Möbel als ein funktionales Kunstwerk; er versteht den Teppich als Bodenobjekt und als begehbares Kunstwerk, als Bildende Kunst am Boden (was einer schalkhaften Doppeldeutigkeit nicht entbehrt). Seine Teppiche stehen als einzelne Teppichmuster im Fokus der aktuellen Ausstellung. Die Musterungen sind aus abstrakten Bildkompositionen entwickelt. Sie passieren in ihrer formalen Entstehung diverse Metamorphosen: Vom Zustand des graphischen Gedankens zur bildlichen Idee, von der Zeichnung, dem Aquarell zur Computergraphik, bis die farbigen Netze, Gitterstrukturen oder Raster schließlich in die spezielle Technik des Handtuftens transferiert werden. Der Auflösung des hierarchischen Prinzips von Figur und Grund innerhalb der geometrisierenden Formensprache folgt der ideelle Sprung von der Fläche zur Dreidimensionalität, vom Muster zum Objekt. Der Prozess ist als ästhetische Transformation von abstrakter Malerei beschreibbar, die Logik der Bilder wird sprichwörtlich verkörpert. Im jeweiligen Muster wird die farbliche Brillanz durch das gezielt unterschiedlich eingesetzte Material von Schurwolle und Seide akzentuiert und die bildliche Struktur in verschiedenen Höhen als Relief zu einer aufreizenden Differenz gesteigert. Der flache Teppich wird zum dreidimensionalen taktil wahrnehmbaren Objekt. Das ideelle Konzept konkretisiert sich zu einer Haptik und zur raumschaffenden Intensität. Die belebten Musterungen nehmen als kommunikative Struktur wesentlichen Einfluss auf die Atmosphäre. Der Teppich wirkt über seine Bildgrenzen hinaus. Bretterbauers Intention öffnet das Bildfeld Teppich und bezieht es als komplexe ornamentale Anlage auf den Bildumraum, er misst seiner Präsenz als dominante Setzung im Raum architektonische Dimension zu. Im Rauminhalt präsentiert Bretterbauer verschiedene Teppichmuster auf leicht schrägen einfachen eisernen Gestellen in der Höhe von knapp über einem Meter, dazwischen sind niedrige, gepolsterte und mit Leder zweifärbig bezogene Sitzscheiben positioniert. Diese Sitzscheiben scheinen dem Kreissegment entwachsen und bieten als generiertes Objekt einen hybriden Charakter. Sie wirken als integrale Teile in der räumlichen Struktur wie ruhende Inseln, über die sich der Teppich auf seinem Gerüst erhebt, der sich mit seinen belebten Mustern nicht in gewohnter Rolle unterordnet, sondern hoch herausragt und in seiner auffälligen Präsenz den Ausstellungsraum determiniert. Auf ihren wackeligen Gestellen in poppiger Farbigkeit entwickeln die Teppichmuster ein Eigenleben: Zum einen präsentieren sie angewandte Kunst, zugleich ein merkwürdiges, mehr oder weniger brauchbares Möbel; also ein künstlerisches und künstliches Objekt, ein Artefakt mit auffallender Präsenz. Die textile Oberflächengestaltung ist durch die Höhe der geneigten Fläche in ihrer reliefhaften Dreidimensionalität deutlich herausgehoben und in greifbare Nähe gerückt, wodurch sie direkt an den Tastsinn appelliert und das ganze Gebilde an Objektcharakter gewinnt. Zum anderen wird dessen vorhandene ästhetische Energie zusätzlich und mit einer paradoxen Dynamik aufgeladen: Das lapidare Moment, das schon der Anblick der bizarren Gerüste vermittelt, wird schon durch einen leichten Anstoß erwartungsgemäß bewahrheitet. Ein solcher versetzt das Gestell in ein leichtes Beben, das sich in einem lockenden Zittern fortsetzt. Für eine Weile vibriert das körperhafte Muster, vollführt eine eigenartig stimulierende Performance bis es zur ruhenden Balance des Raumganzen zurückkehrt. Die herkömmliche Unterwürfigkeit des funktionalen Teppichs ist abgelegt, das Muster (des Musters) ist zum aktiven und (momentan vibrierenden) Kunstgegenstand erhöht. Wieder einmal hat Bretterbauer den Teppich der Qualität des Kunsthandwerks nicht enthoben, sondern darin gewahrt, allerdings als Kunstobjekt installativ mit dem architektonischen Kontext des Raums verwoben. Das vermeintlich unspektakuläre Erscheinungsbild der Ausstellung mutiert zu einem vernetzten Spannungsfeld; Kunst und Design verbünden sich und verweben sich zu einem dynamischen Raumkonzept.
Gilbert Bretterbauer - Kunst und Anwendung
18 - 31.10.2014

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